Berlin : „Mich überrascht die Aufregung“

Herbert Weber, Bürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, äußert sich zur Kritik an seinen Reden über den 8. Mai und über Deserteure

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Herr Weber, nach den Auseinandersetzungen um den 8. Mai läuft gegen Sie ein Abwahlantrag. Nun stehen Sie nach einer jetzt bekannt gewordenen Rede zum Volkstrauertag erneut unter politischem Druck. Werden Sie die Konsequenzen ziehen und zurücktreten?

Nein. Ich werde nicht zurücktreten. Am 20. April wird über den Abwahlantrag von den Grünen, der SPD und PDS abgestimmt. Ich bin seit 26 Jahren politischer Wahlbeamter und habe mehrfach einen Eid auf die Verfassung abgelegt. Mir werden keine Unregelmäßigkeiten oder Rechtsverstöße vorgehalten, sondern eine Sichtweise, die ein politisches Spektrum nicht teilt.

Mit Blick auf Wehrmachtsdeserteure haben Sie gesagt: Die meisten Deserteure hatten etwas auf dem Kerbholz und wussten, warum sie abhauten. Der unbekannte Deserteur, welche Verhöhnung des unbekannten Soldaten. Es ist eine Verirrung, die nur mit Geisteskrankheit, Hetze oder maßloser Verhetzung zu erklären ist.“ Die Jüdische Gemeinde wirft Ihnen vor, kein Demokrat zu sein. Können Sie das verstehen?

Mir ist klar, dass das Thema schwierig ist. Die Vielschichtigkeit der Motive bei Deserteuren ist mir bekannt. Gerade in den letzten Kriegsmonaten hat es zahlreiche Übergriffe und Morde gegenüber Deserteuren gegeben, die das einzig Vernünftige getan haben, nämlich als Soldaten nicht mehr weiterzukämpfen. Es gab eben verschiedene Motive. Ich selbst bin Jahrgang 49. Deshalb habe ich es vorgezogen, den früheren FDP-Vizekanzler Erich Mende als Zeitzeugen und Berufssoldaten, Jahrgang 1916, zu zitieren. Der Auszug stammt aus dem Jahr 1990. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich damals jemand aufgeregt hatte.

Warum haben Sie sich am Volkstrauertag mit dem Thema Deserteure auseinander gesetzt?

Auf dem Steglitzer Friedhof Bergstraße ist zum wiederholten Male das Ehrenmal für die Gefallenen der deutschen Flakartillerie kurz zuvor beschmiert und beschädigt worden. Ich habe diesen Umstand zum Anlass genommen, die geringe Anteilnahme an den deutschen Kriegsopfern und Toten zu beklagen.

Trotzdem bleibt der Vorwurf, Sie seien kein Demokrat ...

... Ich gestehe ein, dass ich über dieses komplexe Thema verkürzt gesprochen habe. Aber ein Vorwurf dieser Art ist nicht gerechtfertigt.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Albert Meyer, wirft Ihnen außerdem „rechtsradikales Gedankengut“ vor. An anderer Stelle in Ihrer Rede schlugen sie vor, die „seit Jahrzehnten vorherrschenden Denkmuster der Belehrung, der Fokussierung auf Auschwitz als Erinnerungsreligion (Deutschland denken, heißt Auschwitz denken) zugunsten einer Gesamtschau, gemessen an historischer Wahrheit, zu überwinden.“ Können Sie denn diesen Vorwurf nachvollziehen?

Auschwitz wird zweifellos das düsterste Kapitel in unserer Geschichte bleiben. Aber, das habe ich wortwörtlich gesagt: Wir müssen auch Schritt für Schritt lernen, uns nicht nur aus zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur zu definieren und damit dem Verbrecher Hitler neue Macht über uns geben, sondern uns in unserer vieljahrhundertjährigen Geschichte mit unendlich viel Positivem wieder zu finden. Wir können nur aus unserer vollständigen Geschichte unsere Zukunft fruchtbar gestalten. Schatten und Licht ergeben das ganze Deutschland. Mit meiner Äußerung habe ich keine Relativierung des Holocaust vornehmen wollen. Wenn dies anders bei Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde verstanden worden ist, lag das sicher nicht in meiner Absicht. Das tut mir Leid. Mir kam es darauf an, zu sagen, dass wir uns nicht ewig und ausschließlich in der Gefangenschaft dieser zwölf Jahre Diktatur bewegen sollten.

Ihre Ansichten stoßen aber auch in Ihrer Partei auf Widerspruch. Sie seien nicht mehrheitsfähig, heißt es. Am heutigen Dienstag will der CDU-Fraktionsvorstand in Steglitz-Zehlendorf eine Erklärung von Ihnen. Was sagen Sie den Parteifreunden?

Ich habe mit dem CDU-Landeschef Joachim Zeller und Generalsekretär Gerhard Lawrentz gesprochen. Ich habe mich ihnen gegenüber erklärt. Und man distanziert sich nicht von mir. Mich überrascht die Aufregung dieser Rede tatsächlich etwas, weil sie öffentlich auf dem Friedhof Bergstraße gehalten wurde. Es waren nicht nur Reservisten da, sondern auch Christdemokraten und Sozialdemokraten wie der Finanz-Stadtrat Klaus-Peter Laschinsky oder die stellvertretende BVV-Vorsteherin Marie Luise Grund. Und keiner der Anwesenden hatte Anstoß an meiner Rede gehabt.

Nach dem Streit um den Beschluss zum 8. Mai und Ihrer Rede zum Volkstrauertag hört man aber Stimmen in der CDU, Sie wären politisch nicht mehr tragbar.

Davon ist mir nichts bekannt. Von denen, die in der CDU maßgeblich sind, habe ich das nicht gehört.

Das Gespräch führte Sabine Beikler.

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