Berlin : Michael Becker (Geb. 1947)

Hier gehe ich nur weg, wenn man mich rausträgt, sagt er – und irrt sich.

Klaus Becker

März 2008: Auf dem Foto sieht man Michael auf der Harbour-Bridge von Sydney. Weit unten ist die Oper zu sehen. Michaels Augen strahlen durch die Sonnenbrille hindurch, und wenn er sich dem Wasser zuwenden würde, könnte man meinen, er fühle sich wie Leonardo di Caprio auf der Titanic: Der König der Welt!

Michael ist drei Jahre alt, als der Vater die Familie verlässt. In den fünfziger Jahren ist es nicht einfach für seine alleinerziehende Mutter. Als er älter ist, besucht Michael den Vater und isst mit dessen neuer Familie das Sonntagskotelett mit Kartoffeln und gemischtem Gemüse, Mayala zum Nachtisch. Die zweite Frau des Vaters ist für Michael Tante Uschi, mit seinen drei Halbbrüdern spielt er manchmal, im Sommer treffen sie sich ab und an im Insulanerbad.

Michael scheitert auf dem Gymnasium Steglitz. Ist er zu faul? Ist er zu vorlaut? Auf jeden Fall ist Michael nicht auf den Mund gefallen und eckt ganz gerne an. Das hat man auf dem Gymnasium Steglitz nicht nötig: Mutter geschieden und große Klappe. Ab mit Schaden! Der Vater tobt: Ich hau den Kerl windelweich.

Dann macht er eben eine Lehre. Michael lernt Verkäufer bei Woolworth in der Schlossstraße. Ein paar Jahre danach liefert er für die Firma Daimon Batterien aus. Aber richtig gut klappt das nicht mit der beruflichen Karriere. Dafür läuft es privat wenigstens schief: Erste Ehe bald geschieden, zweite Ehe, Manuel wird geboren, bald geschieden, Michael verliert etwas den Boden unter den Füßen, trinkt auch mal mehr, als ihm gut tut. Den Kontakt zum Vater und zu den Halbbrüdern lässt er einschlafen. Hat mit sich selber genug zu tun.

Michael, ein Verlierer? Ein Donald Duck? Mit vierzig steht das Leben auf der Kippe. Wohin neigt sich die Waage? Zur guten Seite: Er bekommt einen Job bei der Volksbank, bearbeitet Akten. Er lernt Andrea kennen. Andrea ist burschikos, zurückhaltend formuliert. Das passt gut zu Michaels trockener Art. Galgenhumor auf seinem letzten Geburtstag: Meine Leber funktioniert zu 100 Prozent: Montag 20, Dienstag 10, Mittwoch 25… Andrea gibt Michael Halt und er findet wieder zur Familie zurück. Der Vater, inzwischen zum fünften Mal verheiratet, wird manchmal besucht, mit den Halbbrüdern geht Michael zu Hertha, oder in die Kneipe. Michael und Andrea heiraten standesgemäß in Las Vegas und beziehen eine Wohnung am lieblichen Hermannplatz, im „Blauen Affen“ ist ein Absacker nach vollzogener Feierarbeit immer noch drin.

Bei der Volksbank steigt er auf, macht auch ohne Lehre Bankkaufmannsarbeit. Bei den Kollegen ist er beliebt. Immer fröhlich, immer offen, keiner, der sich versteckt. Die Betriebsausflüge sind regelmäßig volle Erfolge, wobei die Bezeichnung voll meist schon auf der Hinfahrt wörtlich zu nehmen ist.

Irgendwann wird ihm der Hermannplatz zu laut. Ade, „Blauer Affe“. Michael und Andrea ziehen an den Stadtrand nach Alt-Glienicke, Parterreneubauwohnung mit Gärtchen. Ein Paradies, besonders für’s Kaninchen, das allerdings den Löwenzahn aus eigener Ernte nicht mag. Michael genießt das Leben mit Parzelle. Hier gehe ich nur weg, wenn man mich rausträgt, sagt er – und irrt sich. Der Belastung seiner Krebskrankheit hält die Ehe nicht stand. Michael zieht nach Karlshorst und lebt, als habe er vor, hundert zu werden. Er erlebt das Sommermärchen, zum Eröffnungsspiel schmückt er die ganze Wohnung mit allem, was es in Schwarzrotgold gibt und feiert mit den Halbbrüdern, die längst richtige Brüder geworden sind. Als die Schweden im Olympiastadion spielen, ist er von der Atmosphäre so begeistert, dass er fast heult vor Freude.

Auch ohne Andrea fliegt er noch mal nach Kanada und nach Australien.

August 2008: Mit der Traueranzeige wird das Bild verschickt: Michael hoch oben auf der Harbour-Bridge. Weit unten das Opernhaus von Sydney. Stolzer Blick. Einen ganz kurzen, ewigen Moment lang ist Michael der König der Welt. Klaus Becker

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar