Berlin : Michael Hirsch (Geb. 1958)

Warum er auf der Geige kratzt? „Das ist der Rhythmus meines Denkens“

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Sonntags treten die Stofftiere zum Sängerwettstreit an. Der neunjährige Michael und sein Bruder Cornelius inszenieren Opern, die Musik kommt vom Plattenspieler. Die „Meistersinger von Nürnberg“ haben es ihnen besonders angetan. Sechs Stunden Wagner im Kinderzimmer.

Durchhalten für die Kunst: für Michael ein Kinderspiel. Während seine Schulkameraden Rock- und Pop-Konzerte besuchen, zieht es ihn in die Oper. Die Eltern in München Schwabing sehen das gern. Der Vater spielt gut Klavier, ein Großvater hat einst Päpste gemalt und sich damit einen Namen gemacht.

Am Gymnasium tritt Michael in die Arbeitsgemeinschaft für Neue Musik ein. Der Komponist Dieter Schnebel leitet sie. Er erinnert sich an ein Stück aus Stockhausens Zyklus „Aus den sieben Tagen“, eine Textkomposition für intuitive Musik mit der Vorgabe: „Spiele einen Ton / Klang im Rhythmus deines Atems; deines Herzens; deiner Nerven; und so weiter …“ Michael habe auf der Geige aberwitzige Kratzgeräusche erzeugt. Auf die Frage, was das sei, habe er geantwortet: „Das ist der Rhythmus meines Denkens.“

Mit seiner dickrandigen Brille sieht Michael auch recht intellektuell aus. Einen Universitätsabschluss macht er nie, aber er verschlingt Unmengen an Büchern. Er lernt auch kein Instrument, jedenfalls nicht unter professioneller Anleitung. Mit der Geige experimentiert er ein bisschen herum. Lieber spielt er mit der Sprache, der Stimme und dem Körper. Nach dem Abitur will er Schauspieler und Performer werden. Und er fängt an zu komponieren. Bald gehört er in München zum Kreis des Komponisten und Musikorganisators Josef Anton Riedl, der sagt: „Für mich ist alles offen – wenn ich weiß, was daraus wird, bin ich gar nicht mehr so sehr interessiert.“ Ein Satz, der den jungen Michael prägt.

Riedls experimentelle Sprechstücke und „Klang-Aktionen“, das ist die Kunst, die Michael vorschwebt! Spielerisch und durchgeknallt. Fantasiesprachen, dadaistische Sprachkompositionen, Geräuschorgien. In Riedls Ensemble faucht, raunt, schreit, flüstert, und zischt er. Ob man davon leben kann, interessiert ihn nicht. Die Familie unterstützt ihn, sein Leben lang.

Ende der Siebziger kommt er nach Berlin und ist elektrisiert. Dieter Schnebel ist inzwischen Professor für experimentelle Musik an der HdK. Michael ist begeistert von den neuen Spieltechniken; auf Streichinstrumenten wird gekratzt, auf der Flöte gehaucht und auf dem Flügel werden die die Saiten gezupft und mit Tennisbällen und Eierschneidern präpariert. Alles ist Musik: ein startendes Motorrad, eine Billardkugel, Regen, Wind, Schritte auf dem Asphalt.

Michael nimmt die Töne auf und macht daraus Musikstücke: musique concrète. Er komponiert auch Instrumentalmusik und Musiktheater, die Grenzen sind bei ihm fließend, etwa wenn er sieben Pianisten an ein Klavier stellt.

Eine große Karriere kann man so nicht machen. Ob ihn das frustriert? Keineswegs, sagt der Bruder, er habe es eher mit leichtem Stolz hingenommen, vom Mainstream ignoriert zu werden. Natürlich will er, dass seine Stücke gespielt und verstanden werden. Aber nicht von allen, schon gar nicht von der Masse. Zu seinen Konzerten kommen vor allem Leute, die selbst Musik machen. Man kennt und schätzt sich. Mal sind es 15 Besucher, mal 50, später auch mal 500 und mehr, wie etwa auf den Donaueschinger Musiktagen.

Michael wohnt in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Schöneberg, trinkt abends im „Savo“ Weißbier, beobachtet Menschen. Stift und Notizblock hat er immer dabei.

Er komponiert für „Die Maulwerker“, ein Ensemble für Neue Vokalmusik und experimentelles Musiktheater, und dort steht er auch auf der Bühne. Vor den Vorstellungen sei er immer ruhig und gelassen gewesen, erinnert sich eine Ensemble-Kollegin, „doch dann ging er auf die Bühne und spielte jeden an die Wand.“

Ende Januar 2017 hat sein Opernprojekt „Dido“ in der Tischlerei der Deutschen Oper Premiere. Fünf Vorstellungen stehen noch aus, Michael will bei allen dabei sein. Als er nicht auftaucht und auch bei einem Treffen der „Maulwerker“ fehlt, machen sich die Freunde Sorgen. Man findet ihn tot in seiner Wohnung. Schlaganfall? Herzinfarkt? Aneurysma? Man weiß es nicht, es wird keine Autopsie gemacht. 58 Jahre ist er alt geworden.

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