Berlin : Michael Seiler: Ein Insulaner mit angemessener Anmaßung

Ekkehard Schwerk

Wer anderen ungefragt einen Baum in den Garten pflanzt, ist entweder anmaßend, oder er vollbringt eine angemessene Tat. Der angemessen Tätige war 1964 ein junger Mann von 25 Jahren mit Namen Michael Seiler, und er vervollkommnete auf eigene Faust die Lindenpassage des Parks hinterm Humboldt-Schlösschen in Tegel. Er pflanzte dort eine in 14 Jahren selbst gezogene Linde. Sie reihte sich trefflich ein. Seiler füllte ohne Auftrag, ohne vorher eingeholte Erlaubnis der Humboldt-Nachfahren von Heinz eine Baumlücke aus. Doch die Schlößchenbewohner billigten hernach die eigenmächtige, angemessene Tat dankbar.

Michael Seiler, 61 Jahre alt, ist Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Heute wird er in München von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste mit dem Friedrich-Ludwig-von Sckell-Ring hoch geehrt. Diese Auszeichnung ist annähernd vergleichbar mit der Berliner Ferdinand-von Quast-Medaille. Kurz: die kleine Angelegenheit mit der angemessenenen Anmaßung des jungen Seiler wird heute in München kein Berufenerer zur Sprache bringen als Martin Sperlich. Er hält die Laudatio für Michael Seiler. Sperlich war der langjährige, ja maßstäbliche Direktor der Schlösser und Gärten in West-Berlin, war auch der Lehrer von Seiler, bildet mit diesem seither eine Bruderschaft derer, die "das absolute Gehör für die Melodie des Gartens" haben, um Sperlichs Wort für dasjenige zu nehmen, was übers Handwerkliche ins Künstlerische eines "Gärtners" hinausgreift.

Seiler ist Insulaner. Er wohnt auf der Pfaueninsel, aber wirkt im vereinigten Potsdam-Wannseer Schloß- und Gartenkunstwerk. Er ist im ersten Beruf Geodät, also einer, der das Land, die Erde zu vermessen versteht, sie als Ausgangspunkt nimmt, auf der sich die Natur zur Kunst ordnen lässt. Und diese Erdverbundenheit hat ihn über die Kunstgeschichte sodann immer wieder zum Garten und dessen Melodie geführt. Er hatte wesentlichen Anteil an der keineswegs widerstandslos zuwege gebrachten Wiederherstellung des Pleasuregrounds, des Landschaftsgartens von Klein Glienicke.

Die inszenierte Landschaft

Seiler war ganz und gar im Einklang mit Lenné-Pücklerschem Anspruch an ein Gartenkunstwerk mit Sichtachsen und einer Wegeführung, die den Garten und seine Erlebnisstellen aus Stein oder Brunnen oder Beeten als gebautes und gepflanztes Ganzes durchwinden. Eines seiner Bücher hat einen hierauf zielenden Titel: "Inszenierte Landschaften, Blicke ins preußische Arkadien". Seiler hat in Hamburg beim Fachbereich für Bildende Künste promoviert mit der Dissertation "Die Entstehungsgeschichte des Landschaftsgartens Klein Glienicke 1796-1883". Er ist Honorarprofessor im Bereich Geschichtswissenschaft der Freien Universität. Aber er ist bei allen Titeln und Ämtern, auch solchen früherer Jugendarbeit, immer der "Gärtner", als welchen ihn sein Lehrer und Freund Sperlich ehrenvoll tituliert. Die Münchener Festversammlung für den Berliner Seiler wird aus Sperlichs Munde heute hören, was dieser unter "Gärtner" versteht: "Ich nenne Seiler so, weil Gärtner für mich eines der schönsten Worte der deutschen Sprache ist, und Goethe hat sein Gedicht Gärtnerin aus Liebe und nicht Diplomökologin aus Liebe genannt.

Das Sperlichsche Gärtnerverständnis findet in Michael Seiler mit dem absoluten Gehör für die Melodie des Gartens seine Personifizierung. Ganz eigenständig. Und früh schon erkennbar in einer angemessenen Anmaßung in Tegel.

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