Berlin : Michail Gawrikow (Geb. 1939)

Er hat mit ihr getanzt. Ein Unding! Denn der Tanz war heilig

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Ein Nachmittag im Frühjahr ’66, Teerunde in einer Wohnung an der Karl-Marx-Allee. Ein Freund hat Rita mitgenommen, es sind auch ein paar Russen da, einer davon, so hat der Freund erzählt, soll ein berühmter Balletttänzer sein, ein echter Star. Soso, naja.

Rita setzt sich auf die Lehne eines Sofas, neben ihr hockt ein Russe mit Bürokratenbrille, sehr breitem Mund und riesigen, abstehenden Ohren. Irgendwie unterhält sie sich mit ihm, sie mit schlechtem Schulrussisch, er mit winzigem Englisch. Sie einigen sich darauf, dass sie beide die Lyrik von Anna Achmatowa mögen.

Als der Freund vorbeikommt, fragt Rita ihn unauffällig, wer in der Runde eigentlich der Ballettstar ist. – Na, der neben dir, mit dem du die ganze Zeit geredet hast!

Der neben ihr macht ihr schöne Augen und will sie wiedersehen. Sie ihn nicht so dringend. Diese Ohren! Er fragt den Freund von ihr, ob er beide in die Komische Oper einladen darf, in das Ballett, in dem er tanzt. Den Freund interessiert das, er überredet Rita.

Das Ballett heißt „Abraxas“, eine moderne Faust-Version. Der Faust, ein bildhübscher Kerl mit blondem Haar, wirbelt über die Bühne. Was für Bewegungen! Was für ein Körper! Rita fragt den Freund: Und? Wann tritt unser Russe auf? Der Freund zweifelt jetzt komplett an ihr: Das ist er. Michail Gawrikow ist der Faust dort vorn!

Sie haben ihm die Ohren festgeklebt, blonde Perücke drüber, gut geschminkt. Ein Wahnsinn. Was für ein Mann.

Nach der Vorstellung gehen sie noch in die „Möwe“, den Künstlerklub in der Luisenstraße. Rita guckt Michail jetzt etwas anders an, auch wenn seine Ohren wieder frei in den Raum ragen und die Brille auf der Nase sitzt. Am Ende möchte er sie gleich noch mal wiedersehen, und diesmal sagt sie Ja.

Ein paar Tage darauf führt sie ihn in die Müggelberge, alles ist einträchtig und schön, bis Michail findet, dass sie genug Strecke zurückgelegt haben. Sein Bewegungsapparat sei nicht fürs Wandern da, sondern fürs Tanzen. Er benötige jetzt sofort ein Taxi.

In Ost-Berlin gibt es selbst im Zentrum nicht so leicht ein Taxi. Nun stehen sie in den Müggelbergen, und dieser Russe führt ein großes, merkwürdiges Theater auf: Ein Taxi! Sofort! Anderenfalls sei alles verloren.

Das war, erzählt Rita Gawrikow 51 Jahre später, das einzige Mal, dass sie ihn als die Diva erlebt habe, vor der sie alle dann so warnten.

Es gab auch Einwände wegen seines Aussehens, und weil er ein Russe war, „der Russe ohne Hosen“ haben sie ihn genannt, eine Anspielung auf die vermeintliche Armut der Russen oder auf die androgyne Balletttänzerkluft … Alles egal, Rita sah den Menschen, der sich nicht nur unendlich elegant bewegte, gebildet war, ein Mann von Welt, sondern auch seiner selbst so sicher, dass er sie nahm und sein ließ, wie sie eben war. Und wenn sie eine Maria-Callas-Platte auflegten, nebeneinander auf dem Sofa saßen und zugleich heulen mussten, da zählte ohnehin nichts anderes mehr.

Außerdem hat er mit ihr getanzt! Es war ihr erstes Mal in der Sowjetunion, ein Abend mit seiner Schwester und dem Schwager in einem neuen, wahnsinnig schicken Hotel, eine Tanzfläche, langsame Musik, da fragte sie ihn, ob er sie auffordern würde. Er tat es, er hielt sie fest und führte sie, es fühlte sich für sie kein bisschen falsch an, und die Schwester und der Schwager wussten: Die wird er heiraten.

Weil das ein Unding war, ein Tanz nach Unterhaltungsmusik, mit dem einzigen Anspruch, sich irgendwie, Hauptsache synchron, zu zweit zu wiegen. Tanz war etwas anderes für ihn, etwas Heiliges, Kunstgeladenes, etwas, das man auf keinen Fall einfach so tat. Später wusste sie, was sie ihm zugemutet hatte, und bat ihn nie wieder darum. Auch sie konnte ihn sein lassen, wie er war.

In Baku ist Michail aufgewachsen, Aserbaidschan am Kaspischen Meer. Die Eltern Russen, der Vater Arbeiter in einer Ölraffinerie, die Mutter Köchin. Als er elf war, lief er mit seiner großen Schwester an einem Plakat vorbei, auf dem die Ballettschule nach Talenten suchte. Geh mal dahin, sagte die Schwester, ahnungslos, ob er Talent hatte oder nicht. Er hatte, doch als er seinem Vater davon erzählte, schüttelte der nur den Kopf. Ingenieur soll man werden, aber doch nicht Tänzer! Der Vater ging Jahre später mit der Brigade mal ins Ballett, wo er seinen Sohn erstmals tanzen sah. Und war natürlich stolz. Inzwischen wurde seine Tochter, Michails Schwester, Ingenieur. Sollte der Sohn doch machen, was er wollte.

Der Sohn wurde Solotänzer an der Oper von Baku, Schwanensee, Giselle, Nussknacker, wurde bejubelt, gab Autogramme, tanzte auch im Ausland, 1966 für eine Spielzeit an der Komischen Oper, Ost-Berlin, wo er Rita kennenlernte. Und wohnte, bis er 36 war und Rita heiratete, bei seinen Eltern. Von einer Frau vor ihr ist nichts bekannt.

Nun also das Jahr 1975, außer der Hochzeit das Ende seiner Zeit als Bühnentänzer und Superstar – und als Sowjetbürger. Michail zog zu Rita nach Ost-Berlin, was seiner Mutter westlich genug erschien, um ihm verzweifelt hinterherzurufen: Dann geh doch in dein Amerika!

Die DDR war nicht Amerika, die Möglichkeiten waren nicht unbegrenzt. Was tut da ein ehemaliger Solotänzer? Er hofft auf Kontakte und übt sich in Geduld. So gelangte Michail Gawrikow an die Dozentenstelle an der Schauspielschule Leipzig. Was nicht nur für ihn ein Glück war, sondern auch für die angehenden Choreografen, die er dort in klassischem Tanz unterrichtete. Jedenfalls für jene, die seinen Ansprüchen genügten. Denn, wie gesagt, der Tanz war ihm etwas Heiliges, etwas, das man nicht aus Spaß oder Pflicht tat, sondern aus Überzeugung und Kunstwillen. Wer sich nur Mühe gab, jedoch das große Wozu nicht verstand, dem empfahl er: Du, werde ein ordentlicher deutscher Buchhalter!

Als es im Unterricht wieder um die Fußpositionen ging, von denen die fünfte die absurdeste ist, bei der es nur wenigen gelingt, die Füße parallel zu stellen, versuchte er es mal mit folgender Motivation: Ihr wisst doch, was eine Kirche ist? Das ist ein Ort, wo alle tun, was Gott ihnen sagt. Und ich sage euch: In der fünften Position stehen die Füße parallel!

Wer aber etwas konnte und etwas wollte, der fand kaum einen besseren, zugewandteren Lehrer. Und wer erleben wollte, wie die künstlichsten Ballettfiguren zur Quintessenz menschlicher Natur und Schönheit wurden, der musste nur zuschauen, wenn er zur Demonstration selbst in den Übungsraum schritt, seine Brille auf dem Flügel ablegte, die Arme hob – allein wie er die Arme hob! – und wenn er dann ebendas tat, was er von den Studenten erwartete, die nicht einmal halb so alt waren wie er, wenn er aus dem Stehgreif die klassischen Choreografien vortanzte, Männer- wie Frauenrollen. Er hatte das ja alles im Kopf, wusste, welche halbe Drehung auf welchen Sprung folgte, folgen musste, weil alles andere ein scheußlicher Irrtum gewesen wäre.

Dass er sich als Choreograf keinen größeren Namen machte, lag zum einen an dem Anspruch an die Kunst und an sich selbst. Rita fand schon immer: Mischa, du kannst das. Aber Rita liebte ihn, das zählte also nicht. So fing er erst spät an, selbst zu inszenieren. Und hatte dann Pech. Sein ehrgeizigstes Projekt, „Madame Bovary“ mit Musik von Tschaikowski, kam im Frühjahr 1990 auf die Theaterbühne von Weimar. Da lernte das Land gerade den Westen kennen und war nicht allzu interessiert an einem vertanzten Flaubert-Roman.

Das war die Zeit, als Michail Gawrikow mal Angst vor der Zukunft hatte. Würde sich überhaupt noch jemand für so etwas Unzeitgemäßes, Unrentables wie das klassische Ballett interessieren? Würde er weiter unterrichten können?

Er konnte. Wurde sogar Professor. Und blieb der festen Ansicht, dass der Tanz zuvörderst eine hohe Kunst sei, die man schützen muss vor Amateuren und halbgebildeten Berserkern.

Als er mit Rita ein eigenes Haus bezog, war ihm nur wichtig, dass seine Ballettstange stabil befestigt war. Während sie froh war, dass er dank eines dafür angeschafften Hundes doch noch das Spazierengehen lernte. Sein Bewegungsapparat ließ das locker zu; er benötigte nur einen Grund dafür.

Dann allerdings vergaß er diesen Grund, wie er auch alles andere vergaß. Was ist der Tanz? Was ist das Leben?

Sein Gesicht aber, das Gesicht mit dem breiten Mund, der riesigen Nase und den viel zu großen Ohren, da kann man seiner Frau nur recht geben, dieses Gesicht wurde im Alter wirklich schön. Der Körper war es nach wie vor.

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