Michendorfer Mühle : Kaffeerösten auf dem Wolkenberg

In der Michendorfer Mühle können Besucher am Sonnabend durch den Alltag der Menschen vor hundert Jahren spazieren.

Enrico Bellin
Der Chef des Michendorfer Heimatmuseums in der Alten Mühle, Wolfgang Werner, führt gerade durch die einstige Wohnküche.
Der Chef des Michendorfer Heimatmuseums in der Alten Mühle, Wolfgang Werner, führt gerade durch die einstige Wohnküche.Foto: Andreas Klaer

Eine Mühle mitten im Ort und trotzdem gut versteckt: 50 Meter den Wolkenberg hoch, scharf rechts an der Förderschule Norberthaus vorbei, über den Wohncampus der Caritas und in einer 90- Grad-Kurve nach links abbiegen. Erst jetzt baut sich die 1889 errichtete Mühle vor dem Betrachter auf, in der seit 18 Jahren das Michendorfer Heimatmuseum untergebracht ist. Am Samstag nimmt auch die Michendorfer Mühle am Aktionstag "Feuer und Flamme für unsere Museen" teil.

"Ganz nach oben gehen, das ist hier wie bei Rapunzel – nur mit Tür", sagt Verena Hiller, Vorsitzende des Michendorfer Heimatvereins. Sie und der 71-jährige Mühlenchef Wolfgang Werner führen durch die Ausstellung. Nach 58 Stufen steht man in einer Küche, eingerichtet mit Utensilien der vergangenen 100 Jahre, die die Michendorfer dem Verein gespendet haben. Während das Gewürzregal mit eingebautem Eierhalter noch auf den ersten Blick seinen Zweck verrät, wird es bei der gusseisernen abgedeckten Pfanne mit Drehkurbel schon schwieriger: Der Röster für Kaffeebohnen durfte um 1900 in keinem Haushalt fehlen. "Man hat aus dem Küchenofen oben Ringe herausgenommen, dann den Röster über das Feuer gehängt und fleißig gedreht", sagt Werner.

Noch immer spenden die Michendorfer alte Schätze: So kommt bis zum Samstag noch der "Eisfink Spar-Kühler" in die Küche. Wolfgang Weber hat den Schrank, groß wie eine Picknick-Kühlbox, erst vor wenigen Tagen abgeholt. In dessen eine Hälfte legte man Eiswürfel, das war in den 1920er-Jahren die Kühl-Lösung für kleine Küchen.

Weiter geht’s zu anderen Raritäten. Im Raum der Vereine hängt die Silbermedaille, die der Michendorfer Hans-Dieter Brüchert bei Olympia 1976 in Montreal gewonnen hat – komplettiert mit Wettkampfhose und Schuhen. Die waren damals schon von Adidas, auch für DDR- Sportler. Als Prämie für den Gewinn bekam Brüchert einen Wartburg-Wagen.

An der Aktion  "Feuer und Flamme" zum fünften Mal dabei

Die Mühle am Wolkenberg wurde 1925 ihrer Flügel beraubt und als Wohnhaus umgebaut, deshalb gibt’s hier etwas mehr Platz für ein Museum. Direkt neben den Olympia-Devotionalien hängen Erläuterungen zu den örtlichen Malern. So wird Richard Muth gewürdigt, als Landschaftsmaler und Grafiker hat er für die Schoko-Firma Sarotti Werbung gestaltet. Ein Stockwerk tiefer wird dem Besucher erst einmal eine Schultüte in die Hand gedrückt: Das Klassenzimmer einer Dorfschule ist hier nachgebaut. Beim Blick auf das Lehrerpult erahnt man: Lehrer war kein einträglicher Beruf. Keine 30 Zentimeter Platz sind zwischen Schreibpult und Rückenlehne, keine Chance für Pädagogen mit Bauchansatz. "Mein Vater musste als Schulgeld noch Lebensmittel für den Lehrer mitbringen", sagt Werner.

Er selbst wohnt sein Leben lang unterhalb der Mühle, die auch an Schumacher und Töpfer sowie an Bauern- und Waldarbeiter rund um Michendorf erinnert. Werner hat etliche Stationen des Hauses miterlebt: Nachdem der frühere Besitzer die Mühle zum Aussichts- und Wohnturm umgebaut hatte, wurde sie zu DDR-Zeiten als Wohnheim für auszubildende junge Frauen genutzt – und später für Ordensschwestern. In den 60er-Jahren machte Werner dort eine Ausbildung zum Maurer, Mittagsverpflegung gab es in der Mühle im Erdgeschoss. "Zur Wendeltreppe gab es damals noch eine Extra-Tür, damit wir Burschen nicht zu den Ordensschwestern ins Zimmer gehen konnten."

An der Aktion "Feuer und Flamme" nimmt die Mühle bereits zum fünften Male teil. Es gibt rund um die Ausstellung Leckeres vom Grill, Getränke, Kaffee und Kuchen und Kinderbelustigungen. Und wer es nach dem Essen noch schafft, geht am Abend mit Wolfgang Werner die Wendeltreppe der Mühle hoch und genießt den Blick aus den Luken aufs nächtliche Michendorf – ein bisschen wie Rapunzel.

Heimatmuseum "Mühle am Wolkenberg", Langerwischer Straße 27

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