Mieter in der Calvinstraße : Gegen die Wand

22.02.2012 13:15 UhrVon Deike Diening
  • Massiver Stein statt Sonnenstrahlen. Seit April 2010 sind die Fenster von Helga Brandenburger zugemauert. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
    Massiver Stein statt Sonnenstrahlen. Seit April 2010 sind die Fenster von Helga Brandenburger zugemauert. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas
  • Direkt vor ihren Fenstern in Küche und Bad wurde ein Neubau errichtet. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
    Direkt vor ihren Fenstern in Küche und Bad wurde ein Neubau errichtet. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas
  • Das Haus, in dem Helga Brandenburger wohnt, ist der verbleibende 60er-Jahre-Bau zwischen zwei modernen Luxusbauten. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
    Das Haus, in dem Helga Brandenburger wohnt, ist der verbleibende 60er-Jahre-Bau zwischen zwei modernen Luxusbauten. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ihr Haus soll aufgestockt und modernisiert werden, Fenster wurden zugemauert. Umliegende Häuser sind bereits saniert. Doch die Mieter der Calvinstraße 21 in Moabit wehren sich.

Ist Weiß weiß und Schwarz schwarz? Roman Czapara ist sich nicht mehr so sicher. Er fällt in den schwarzen Ledersessel in seinem Wohnzimmer. Die Vasen weiß, das Gesteck silbern, der Teppich hellgrau, der Tisch marmoriert, so zeigen sich hier alle Variationen von Grau.

Es fällt etwas weniger Licht als gewöhnlich auf die Gesichter der Anwesenden, denn draußen vor dem großen Fenster zum Balkon knattert ein Transparent: „Wir lassen uns nicht Luxussanieren“.

Im Schatten ihres eigenen Protestes sitzen das Ehepaar Hanna und Roman Czapara, Eva Bugenhagen und Helga Brandenburger, die nun schon seit Jahren abendfüllend mit ihrem Mietverhältnis beschäftigt sind.

Es hat ihren Kreislauf durcheinandergebracht, sie zweifeln lassen, aus ihnen andere Menschen gemacht. Nicht nur aus Helga Brandenburger, die von allen Geschichten die spektakulärste erlebt.

Als Brandenburger, 1. OG rechts, im April 2010 vom Arzt kommt, mitten am Tag, sind ihre Küche und ihr Bad stockdunkel. Sie öffnet das Fenster in der Küche und legt ihre Hand auf massiven Stein. Dasselbe im Bad.

Brandenburger, im Mieterverein seit 1989, hat in zwei Zimmern kein Tageslicht mehr. Nebenan steht jetzt ein Neubau. Die Originalküche aus den Sechzigern, auf der Küchenarbeitsplatte Paniermehl, Weintrauben, Kiwi, liegt im Dunkeln für immer. Belüftung: keine. „Wie das geht? Ganz einfach: Fenster auf im Schlaf- und Wohnzimmer, Querlüftung beim Braten und Brutzeln“, sagt sie. Dasselbe beim Duschen. Bei jeder Temperatur.

Wie froh ist sie jetzt, dass sie nie in eine neue Küche investiert hat. Sie würde sie ja gar nicht mehr sehen. Sie kauft stattdessen eine Energiesparleuchte, die Tag und Nacht brennt und mindert die Miete um 20 Prozent.

Schlimm finden die Mieter weniger, dass ihr Eigentümer nebenan einen Neubau errichtet hat, auf der anderen Seite ein 60er-Jahre-Haus luxussaniert und das Haus um die Ecke aufgestockt hat. Umzingelt vom Hochpreissegment stellen sie fest, dass man mit ihnen offenbar umspringen darf, als hätten sie nicht Jahrzehnte pünktlich ihre Miete gezahlt. Dass sie jetzt als Verweigerer dastehen. Wie konnte es so weit kommen?

Roman Czapara, Ruderer, Gewinner der Goldmedaille für Polen im Zweier bei der Jugendweltmeisterschaft von 1977, zieht mit seiner Frau Hanna, Krankenschwester, 1988 „in eine vergessene Ecke von Moabit“: Calvinstraße 21, 3. OG links. Den Sohn, drei Jahre alt, schicken sie in den Kindergarten gegenüber.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker wohnt in der Villa Hammerschmidt in Bonn. Die Frauen tragen Schulterpolster. Eberhard Diepgen regiert Berlin. Regelmäßig, doch unverbindlich, grüßen Czaparas die Nachbarn: Salomon, Obradovic, Wassermann, Peters, Hoffmann, Chluba, Schulz und Wobst. Da sind auch die Brandenburgers, deren Tochter Helga sie oft besucht. Und die Bugenhagens, die mit ihrer 17-jährigen Tochter Eva schon 1961 eingezogen sind, als das Haus gerade fertig war.

Vierzig Jahre lang klappt die Tür des Hauses auf und zu. Der Teenager Eva Bugenhagen wird erwachsen und Finanzbeamtin. Der Sohn der Czaparas zieht aus, um zu studieren. Helga Brandenburger übernimmt nach dem Tod der Eltern deren Wohnung. Wenn Eva Bugenhagen von ihren weiten Reisen in die Calvinstraße zurückkehrt, macht sie sich die Wohnung hübsch: Vorwerk-Teppich, Fliegengittertür, Lampen auf dem Balkon. Sie mag Schmuck, Bilder und gute Kleidung. Ihre Freunde nennen sie manchmal „Luxusweib“. Sie steckt schätzungsweise 10.000 bis 15.000 Euro ins Bad, sagt sie, ein Hängeklo soll es schon sein.

Im August 2001 informiert der Vermieter, die Alexandra-Stiftung, Evangelisches Wohnungsunternehmen, über den Verkauf der Wohnanlagen Melanchthonstraße 17/18 und Calvinstraße 21 an die „Team 2 Gesellschaft für Stadtentwicklung mbH“ zum Ende des Monats. „Daueraufträge ändern Sie bitte zum Oktober“ und „für die Zukunft alles Gute“.

Tatsächlich beginnt von nun an eine andere Geschichte. Bald kommt den Mietern zum ersten Mal etwas komisch vor.

Sie erfahren, dass bei der Team 2 GmbH, vertreten durch Günter Stach, offenbar gepfändet wird. Ihr Geld überweisen sie von nun an auf ein Pfändungskonto. Ein Pfändungs- und Überweisungsbeschluss des Amtsgericht Tübingen hält fest: Forderungen der Alexandra-Stiftung von insgesamt 42.408,89 Euro, Versäumnisurteil des Landgerichts Tübingen vom 1. Juli 2002. Auch andere Gläubiger warten auf Geld: Dem Land Berlin schuldet Team 2, vertreten durch Günter Stach, 3470,70 Euro. 2006 ergeht vom Amtsgericht Biberach ein Pfändungsbeschluss in der Zwangsvollstreckungssache der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam, Zahlungsanspruch an die Team 2 GmbH: 50.000 Euro.

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