Berlin : Mieterinitiativen: Wohnen in der Genossenschaft erlebt "kleinen Boom"

tob

Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) will dem Konzept der guten alten Wohnungsgenossenschaft weiteren Schwung verleihen. Gestern hat die Senatsverwaltung einen Gründungsleitfaden herausgebracht, der interessierten Mieterinitiativen helfen soll, sich genossenschaftlich zu organisieren. Sie können dabei eine seit Ende 2000 geltende Richtlinie in Anspruch nehmen, wonach die Investitionsbank Berlin (IBB) neue Genossenschaften mit günstigen Darlehnen unterstützen kann.

Der Leitfaden sei Ausdruck einer "neuen Wohnungspolitik", sagte Strieder. Es habe sich gezeigt, dass sich Mitglieder von Wohnungsgenossenschaften wesentlich stärker mit ihrem Zuhause identifizierten als normale Mieter. Die Genossenschaft betreffende Entscheidungen werden demokratisch gefällt, die Mieten sind auf lange Sicht meist günstig. Seit Inkrafttreten der neuen Richtlinie im Dezember seien über 15 Anträge für Neugründungen eingegangen, hieß es. Der Genossenschaftsexperte Georg Knacke, Mitautor des Leitfadens, spricht von einen "kleinen Boom". Die IBB werde 2001 voraussichtlich 80 bis 90 Millionen Mark Darlehen an neue Genossenschaften herausgeben.

Der Gründungsleitfaden richtet sich in erster Linie an Mieter städtischer Wohnungsbaugesellschaften. Diese sind nämlich verpfichtet, einen gewissen Anteil ihres Wohnungsbestandes zu privatisieren. Sie müssen die Objekte den Mietern, aber auch Genossenschaftsinitiativen anbieten.

Das war nicht immer so, wie das Beispiel Bremer Höhe in Prenzlauer Berg zeigt. Das denkmalgeschützte Ensemble mit 514 Wohnungen sollte ursprünglich an einen privaten Investor verkauft werden. 350 Mieter wehrten sich gegen die Pläne. Der Senat, der anfangs den Verkauf auf dem freien Markt unterstützte, lenkte ein. 50 Mieter gründeten eine Genossenschaft, die die Bremer Höhe für 27,8 Millionen Mark kaufte. Jedes Mitglied zeichnete für 10 000 Mark Genossenschaftsanteile. Die IBB gewährte pro Haushalt allein 8000 Mark Darlehen. Derzeit wird die Bremer Höhe saniert. Kommenden Herbst sollen die ersten 120 Wohnungen fertig sein.

In dem Gründungsleitfaden wird erklärt, welche Schritte man gehen muss, um eine Wohnungsgenossenschaft aus der Taufe zu heben. Er informiert unter anderem über rechtliche Fragen und finanzielle Fördermöglichkeiten und ist in den Bürgerämtern der Bezirke erhältlich. Es gibt derzeit etwa 80 Genossenschaften in der Stadt. Zu ihnen gehören etwa zehn Prozent der Wohnungen. Die Genossenschaften haben eine lange Tradition. Es gab Gründungswellen um 1900, nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben