Berlin : Mieterverein: „Messies“ brauchen Hilfe

Tod in Marzahn war kein Einzelfall – Experten registrieren immer mehr Beispiele von Verwahrlosung

Tanja Buntrock,Ingo Bach

Peter M. steckte kopfüber in seiner Wohnung im eigenen Müll fest und starb. Er ist ein besonders tragischer Fall, aber kein Einzelfall. „Diese Art von sozialer Verwahrlosung nimmt zu“, sagt Hartmann Vetter, Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins.

Der 70-jährige Peter M. war ein „Messie“ – er litt unter dem so genannten Vermüllungssyndrom. Wie berichtet fanden ihn Polizei- und Feuerwehrbeamte am Freitag begraben unter Unrat in seiner Einzimmerwohnung eines Hochhauses in der Mehrower Allee. Die Polizei schätzt, dass der Rentner möglicherweise zwei Monate tot in der Wohnung lag. Kaum einer seiner Nachbarn habe etwas bemerkt, niemand kümmerte sich. Erst am Donnerstagabend alarmierte eine Nachbarin, die zwei Etagen tiefer wohnt, die Polizei.

„Natürlich haben auch die Nachbarn eine Verantwortung, sich beim Vermieter zu melden, wenn etwas nicht in Ordnung scheint“, sagt Vetter. Zwar ist die Wohnung eines jeden Privatsphäre. „Aber nur so lange andere nicht beeinträchtigt werden oder für sie keine Gefahr besteht.“ Aber auch der Vermieter habe die Pflicht, „jemanden vorbeizuschicken“ und nach dem Rechten zu sehen. Wenn Gefahr drohe, dann dürfe eine solche Wohnung im Beisein der Polizei aufgebrochen werden. Und wenn die Wohnung mit Unrat vollgestellt sei und damit auch eine Gefahr für andere darstelle, dann dürfe ein Vermieter einem „Messie“ auch kündigen. Schließlich komme der Mieter sonst seiner Sorgfaltspflicht nicht mehr nach.

Die Selbsthilfegruppe „Anonyme Messies“ schätzt, dass in Deutschland 1,8 Millionen Menschen diese Verhaltensstörung aufweisen. Studien zeigen, dass die meisten Erkrankten zwischen 40 und 50 Jahre alt sind. 80 Prozent von ihnen sind Frauen. Die häufigste Ursache ist ein extremer Sammelzwang von nutzlosen Gegenständen in der Wohnung, der oft in einer totalen Verwahrlosung endet. Die Betroffenen versuchten so unbewusst, Löcher in ihrer Seele mit Äußerlichkeiten zu stopfen, sagen Psychoanalytiker.

Werden ältere Menschen wie Peter M. Opfer solcher Vermüllung, dann sei das häufig Ausdruck von geistigem Verfall und Vereinsamung. Demenz-Patienten etwa versuchten, mit den gehorteten Dingen symbolisch ihre Welt zu erhalten. Und Menschen, die Angst vor ihrer Umwelt haben, nutzen die Müllberge quasi als Schutzwälle gegen die Außenwelt.

Informationen und Hilfe im Internet:

www.anonymemessies.de

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