Migranten : "Die Sprache ist wichtig"

So wird rund ums Kottbusser Tor über das neue Integrationsgesetz geredet.

Alina Stiegler
Fragen über Fragen. Gerade Schulen in Bezirken mit hohem Zuwandereranteil wie Neukölln oder Kreuzberg brauchen eine besonders gute Ausstattung. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Fragen über Fragen. Gerade Schulen in Bezirken mit hohem Zuwandereranteil wie Neukölln oder Kreuzberg brauchen eine besonders gute...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Welches Integrationsgesetz? In Kreuzberg am Kottbusser Tor hat man davon nicht viel mitbekommen. „Ich lese jeden Tag die türkischen Zeitungen, das ist mir nicht aufgefallen“, sagt Kioskbetreiber Sinan Simsek. Ein kurzer Klick auf das Medienportal „Gazete Oku“ bestätigt seine Beobachtung – von Integrationsgesetz keine Spur. Das macht ihn stutzig, er zieht die aktuelle Ausgabe der „Hürriyet“ vom Zeitungsstapel. „Vielleicht in der Mitte, wo die Nachrichten aus Europa sind“, sein Zeigefinger wandert über eine kurze Meldung. „Ach so, sie schreiben, dass Wowereit einen besseren Weg zur Integration plant, in den Ämtern arbeiten und so“, übersetzt Simsek, „aber wer soll damit gemeint sein? Die hier aufgewachsen sind oder die aus der Türkei kommen?“

In einem türkischen Schnellrestaurant um die Ecke sorgt das Gesetz ebenfalls für Irritation. „Ich habe davon noch nichts gehört, aber warum braucht man denn andere Sprachen in den Behörden? Die, die es nicht können, müssen doch Deutsch lernen“, sagt Mitarbeiter Kadir. So etwas würde später noch zu Korruptionsvorwürfen führen, befürchtet er. Chancengleichheit und Offenheit gegenüber Migranten – dafür steht der neue Gesetzesentwurf, der am Dienstag vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit vorgestellt wurde. Öffentliche Verwaltung und Betriebe sollen demnach die Anzahl der Mitarbeiter mit einem Migrationshintergrund proportional dem Anteil der Bevölkerung anpassen. Bei Einstellungsgesprächen könnte so aus einem einstigen Makel eine Kompetenz werden. Im Reisebüro von Battal Akdag hat man es gestern in den Nachrichten gesehen. „Ich hoffe, es wird auch durchgesetzt“, sagt Akdag. Integration funktioniere aber nicht einseitig, mahnt er, „alle, Migranten und Deutsche müssen sich öffnen.“ Seinen Kollegen hat vor allem das geänderte Bestattungsgesetz neugierig gemacht, welches Muslimen eine sarglose Bestattung gewährt. Ein paar Meter weiter arbeitet Ceren Dograr in einem Copy Shop. Sie ist selbst vor fünf Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen und erzählt, dass es schwierig ist, in Berlin Arbeit zu finden. „Sarrazin hatte teilweise recht mit dem, was er über die Berufe der Ausländer gesagt hat. Wenn Migranten jetzt die Möglichkeit bekommen, im öffentlichen Bereich zu arbeiten, dann ist das vor allem ein Vorbild für die Jugendlichen.“ Trotzdem sieht Dograr auch Nachteile: „Die deutschen Kollegen auf den Ämtern könnten sich ausgeschlossen fühlen, wenn sie etwas nicht verstehen. Gerade für alte Menschen, die kein oder wenig Deutsch verstehen, sei diese Regelung aber hilfreich.

Rund um den „Kotti“ gibt es beides: Jene, die es schwer haben, „dazu“zugehören und solche, die es geschafft haben. Letztere gehen mit ihren Landsleuten mitunter hart ins Gericht. Manche wollten sich nicht integrieren und in Kreuzberg weiterhin so wie in der Türkei leben, heißt es. „Die Sprache ist wichtig! Wenn ich Zeit hätte, würde ich noch mal in die Sprachschule gehen“, sagt Kioskbetreiber Simsek. Es gebe aber Migranten, die weder lesen noch schreiben können, daher müsse die Regierung vor allem die Bildung früher fördern, findet er. „Man muss doch wissen: Wer kommt in mein Land. Wenn ich einen Ingenieur brauche, warum kommt dann ein Dönerschneider?“ Gesetz hin oder her, Simsek macht sich Sorgen: „Für uns Türken ist es trotzdem schwierig einen Job zu finden, egal wie lange man hier ist, oder wie gut man spricht.“ Alina Stiegler

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