Migranten : Sprachlos leiden

Für Migranten fehlt es an psychotherapeutischen Angeboten. Viele trauen sich nicht zu deutschen Ärzten. Von türkischen Ärzten erwarten sie, automatisch verstanden zu werden.

Ferda Ataman
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Ein wenig Heimat suchen Migranten, hat Hatice Kadem erfahren. -Foto: K. Kleist-Heinrich

Berlin - „Ich hätte meine Praxis natürlich auch in Zehlendorf eröffnen können“, sagt Hatice Kadem, „aber mit meinem türkischen Namen wäre das unsinnig“. In ihre Praxis kämen ohnehin türkische Patienten – egal wo sie sich niederlässt. Also habe sie sich gleich für Neukölln entschieden. Das frisch renovierte Backsteinhaus ist das erste türkische Therapiezentrum im südlichen Migrantenviertel. Dem Aussehen nach könnte es ebenso gut in Zehlendorf stehen: Sekretariat und Wartezimmer sind im Foyer untergebracht, einer Eingangshalle mit bunter, gewölbter Decke.

„Muttersprachliche Fachleute vermitteln türkischen Patienten ein Stück Heimat“, erklärt die 42-jährige Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Viele würden sich nicht trauen, mit ihren Problemen zu Deutschen zu gehen. Ein Beispiel: Eine junge Frau, die hin- und hergerissen ist, weil sie zwar ihre Eltern nicht enttäuschen will, sich aber zugleich nach einem individuellen Leben sehnt, ziehe meist türkische Therapeuten vor. „Von Deutschen befürchtet sie, dass die sie mit ihren Ratschlägen nur tiefer in die Krise stürzen, indem sie ihr die Freiheit schmackhaft machen.“ Bei türkischen Psychiatern dagegen erwarteten viele, automatisch verstanden zu werden.

Auch die Therapeutin Esin Erman kennt solche Erwartungen. „Ich empfehle Türken, die zu mir in den psychosozialen Dienst kommen, oft deutsche Kollegen, aber viele wollen nicht zu ihnen“, sagt sie. Erman ist Vorstandsmitglied der „Gesellschaft für türkischsprachige Psychotherapie und psychosoziale Beratung“, die sich für eine bessere Versorgung von Migranten einsetzt. An diesem Freitag beginnt ihre 15. Jahrestagung in Berlin, mit zahlreichen Workshops. Die Titel der Fortbildungsangebote lauten etwa „Drogentherapien mit türkischsprachigen Klienten“ oder „Trauer in der Psychotherapie“. Kadem erklärt den Bedarf: „Viele Einwanderer aus der Türkei drücken ihre Schmerzen und Leiden anders aus, als man das von Deutschen kennt“.Manche fühlten sich in deutschen Krankenhäusern einfach unverstanden. „Neben der Sprache braucht man ein Gefühl für die Leute“, sagt Kadem und fügt lachend hinzu: „und Gelassenheit“. Heute seien einige angemeldete Patienten gar nicht erschienen. Stattdessen kamen andere unangemeldet in die Praxis. Das kennt auch Erman: „Einen Termin in sechs Wochen ausmachen und erwarten, dass die Leute tatsächlich kommen – das klappt bei Türken oft nicht“,

Laut Erman gibt es einen großen Bedarf an türkischsprachigen Psychiatern und Therapeuten. In Berlin etwa gibt es 16 türkischsprachige Psychotherapeuten mit Kassenzulassung. Doch nur wenige könnten eine Praxis eröffnen, weil keine Lizenzen vergeben würden. Die Folge sind Wartezeiten bis zu 18 Monaten.

Die Probleme unter den rund 180 000 türkischstämmigen Berlinern sind groß: Jeder Dritte hat keinen Schulabschluss, viele sind arbeitslos, Konflikte zwischen den einst als Gastarbeiter Gekommenen und ihrem hier geborenen Nachwuchs sind programmiert. „Oft stauen sich die Probleme oder werden falsch behandelt, bis sie eskalieren und die Patienten gleich eingewiesen werden“, warnt Erman. Der Zugang zu Hilfe müsse den Einwanderern erleichtert werden: durch muttersprachliche Fachleute und Broschüren durch Fortbildungen für deutsche Ärzte. Und natürlich durch „viel Geduld“. Ferda Ataman

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