Berlin : Miklós Königer: "Ausstellungen machen ist wie Regie führen"

Heidemarie Mazuhn

"Puhh, ganz oben", stöhnt der Fotograf, nachdem er das Klingelschild in der Großgörschenstraße 33 studiert hat. "Das mache ich täglich mährrmals", ruft Miklós Königer mit unüberhörbar ungarischem Tonfall wenig später aus der 4. Etage seinen schnaufenden Gästen im Treppenhaus entgegen. Der Weg in die Zwei-Zimmer-Wohnung ist sein Fitnessprogramm. .

Die Küche sieht aus, als ob außer Kaffee nichts darin gekocht wird. Der Mann hat andere Passionen - im Flur und Wohnzimmer ist jede freie Stelle damit ausgefüllt: An den Wänden hängt Filmgeschichte, ordentlich eingerahmt, wohin das Auge blickt. Hier ein Foto von der noch unbekannten jungen Marlene Dietrich, dort ein vergilbtes Programm von "Der Fall Judith B." - in den 50er Jahren ein ungarischer Film mit Violetta Ferrari, die nach dem von den Russen niedergeschlagenen Aufstand aus ihrer Heimat flüchtete und im Westen ein Filmstar wurde.

Ihr Landsmann Miklós Königer hatte bisher weniger Glück. Von 1964 bis 1968 studierte er Pantomime, Schauspiel und Theaterwissenschaft - ein Filmstar ist der 1943 geborene Budapester weder in seiner Heimat noch in Berlin geworden. Hier lebt er seit 1979 - augenblicklich arbeitslos. Gespielt hat er unter anderen an der Volksbühne, im Schauspielhaus Graz und in Filmen und Fernsehserien. Auch Hauptrollen wie 1982 in Gabor Bodys Film "Dämon in Berlin" oder in Christoph Schlingensiefs Film "United Trash - die Spalte" 1995.

Im Augenblick verwirklicht Miklós Königer gerade zwei Projekte seiner zweiten Leidenschaft: Er macht Ausstellungen. "Das ist wie Regie führen", schwärmt er und zündet sich die soundsovielte Zigarette an. War es eben noch, wie berichtet, der "Vamp und Engel Lya de Putti", den Königer als Kurator bis zum 15. Oktober im "Haus Ungarn" ausstellt, sind es dort ab morgen abend auch 55 "Ungarische Filme auf deutschen Plakaten" - unter anderen das von "Karussell", dem mit internationalen Preisen geehrten Film von Zoltán Fábri mit Mari Töröcsik.

"Auf DDR-Plakaten" müsste es eigentlich heißen, denn hauptsächlich in diesem Teil Deutschlands wurden vor der Wende ungarische Filme gezeigt. Miklós Königer hat den Plakate-Sammler Ed Zacharias im "Kleister" kennen gelernt, so heißt eine Kneipe in Königers Kiez. Kiloweise und sogar in der Badewanne habe Zacharias daheim abertausende Filmplakate gestapelt, erzählt sein Entdecker begeistert, dabei weiß Königer selbst kaum noch, wohin mit den Schätzen der eigenen Sammelwut.

Bis ins Jahr 1933 zurück sammelt der Schauspieler alles über ungarische Kollegen wie Marta Eggerth, Peter Lorre, Käthe von Nagy, die vor dem Krieg in Berlin berühmt wurden. Und weiß von allen etwas zu erzählen. Dass Franziska Gaal die Lieblingsschauspielerin von Hitler und Stalin war, der heute unbekannte Szöke Szakall sogar in "Casablanca" mitspielte und Marta Eggerth auf Spitzen tanzen konnte, wie ein Bild in Königers Flur bezeugt.

Die Geschichte, die er von Gitta Alpar erzählt, ist eine deutsch-ungarische Tragödie - von 1926 bis 1930 wurde die als "Stimmwunder" gerühmte Koloratursopranistin in der Staatsoper Unter den Linden gefeiert, danach im Metropoltheater, er besang 30 Schallplatten und spielte in Filmen wie "Die oder keine". 1933 war alles vorbei. Gemeinsam mit Ehemann Gustav Fröhlich und Kollegen wie Hans Albers hatte die Alpar eine Party bei Göbbels besucht. Als man dort das Horst-Wessel-Lied sang, blieb sie sitzen - sie war hochschwanger, und sie kannte das Lied und dessen Bedeutung nicht. Ein Adjutant Göbbels verwies sie des Festes. Mit Hilfe einer kaiserlichen Hoheit und dessen Zugwaggon verschwand der Star am nächsten Tag aus Deutschland nach Budapest, wo Tochter Julika Fröhlich geboren wurde. Gitta Alpar aber - von Gustav Fröhlich geschieden und nervlich am Ende - konnte auch mit einer Welttournee ihren deutschen Ruhm nicht wiedererlangen. "Wenigstens eine kleine Straße sollte in Berlin an sie erinnern", wünscht sich Miklos Königer.

Mit seinen Ausstellungen in Budapest und Berlin will er deutsch-ungarische Brücken bauen. Das nächste Projekt hat er schon in petto - er kennt da einen Sammler mit über 100 000 Star-Postkarten. "Ein Wundäärr", sagt er.

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