Berlin : Milan Nesic (Geb. 1930)

Was tut ein Puppenspieler, der mit Menschen arbeiten will?

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Wir dürfen uns Puppenspieler als sehr glückliche Menschen vorstellen. Vor allem jene, die selbst ihre Puppen erschaffen und ein geradezu väterliches Verhältnis zu ihnen pflegen. Wenn sie nicht gerade mit ihnen spielen, dann sind sie nämlich wieder ganz Kind.

Der kleine Milan lernte das Puppenspielen von der Biene Maja, also er lernte, dass alle Wesen eine Seele haben und wir mit ihnen sprechen können und sie mit uns, selbst wenn sie nur gezeichnet sind oder an Fäden hängen. Milans Kindheit war glücklich, kaum konnte er sprechen, schrieb er Gedichte. Um ihn herum tobten Aufstände und Kriege, aber ihn hatten die Eltern in ein Bauerndorf eine Stunde von Belgrad entfernt zu Opa und Onkel geschickt, wo er in Frieden aufwuchs.

Als er nach Belgrad zurückkam, wurde er Kommunist, denn er war ein gutgläubiger Mensch. Er glaubte an das Gute im Menschen, bis ihn die Funktionäre eines Besseren belehrten. Er konvertierte zur Kunst, studierte Regie und Dramaturgie, wollte Schauspieler werden. Ein bekanntes Belgrader Theater engagierte ihn sofort nach Ende seines Studiums für die Rolle des Mackie Messer, da musste er zugeben, dass er gar nicht singen konnte.

Er bekam eine kleine Rolle als Partisan, spielte neben Maria Schell und Bernhard Wicki in dem Kriegsdrama „Die letzte Brücke“. Dann sollte er noch einen Kriegshelden spielen, schade nur, dass er nicht reiten konnte. Ein weiterer Film von sehr revolutionärer Gesinnung verschwand in den Archiven, als die revolutionäre Gesinnung nicht mehr gefragt war.

Es sollte nicht sein mit der großen Filmkarriere, stattdessen gründete er eine kleine Theatergruppe, die mit Volksstücken über die Dörfer zog. Ende der fünfziger Jahre erhielt er eine Einladung nach Berlin, er sollte ein Filmszenario schreiben, obwohl er kaum Deutsch sprach. Aus dem Film wurde nichts, aber sein Puppenspiel konnte er nun perfektionieren, und das so erfolgreich, dass er einige Jahre Puppenfilme für das „Sandmännchen“ drehte, bis er Opfer des Kostendrucks wurde.

Aber welchen Beruf gibt es für einen Puppenspieler, der mit Menschen arbeiten will? Milan Nesic wurde Galerist. Kein Strippenzieher nach Art der Global Player, die ihre Marionetten auf den Laufsteg der Eitelkeiten schicken, um die Werke meistbietend zu verhökern. Milan Nesic mochte seine Künstler, viele waren seine Freunde, fast alle kamen sie aus Belgrad. Er öffnete ihnen Räume, fand Publikum für sie, und ihm gelang, was nicht vielen Galeristen gelingt, er verkaufte ihre Bilder. 33 Jahre Galerie Milan am Ludwigkirchplatz, über 120 Ausstellungen. Der Vorhang fiel sehr abrupt 1993, als Jugoslawien zerfiel und ein Embargo verhängt wurde. Das traf auch die Künstler, ihre Werke durften das Land nicht mehr verlassen, sie durften aber auch nicht mehr dorthin zurückkehren.

Milan Nesic betrübte das, aber er wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht eine Nebenbühne für seinen Enthusiasmus gefunden hätte: Er dichtete, zeichnete, bevorzugt beides zusammen, und er begann zu kochen, und zwar so gut, dass er im europäischen Wettbewerb für Amateurköche den zweiten Platz für Berlin und Brandenburg belegte – nur die Dosentomaten hatten die noch bessere Platzierung verhindert.

Er war ein Mann mit Geschmack. Ein gut aussehender Mann, auf dem Markt eine Erscheinung, immer mit Hut und Anzug, stets schöne Schuhe, nie sportiv. Ein Europäer, der Zehlendorf liebte, eben weil es ein Dorf war. Ein Mann, der seine Frau liebte. Jede Woche besuchten sie gemeinsam ein Konzert, eine Oper oder ein Theaterstück, und dann war da auch noch die Weltbühne. Wo auch immer sie reisten, hat er gefilmt, unendliche Mengen an Material, die es noch zu sichten galt. „Ich kann nicht sterben, ich muss hundert werden, dann lad’ ich euch alle nach Capri ein.“

Daraus wurde nun nichts. Kein Grund zur Trauer: Wir dürfen uns den Himmel dieses Puppenspielers als wunderbar bevölkert vorstellen.

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