• Milchkaffee oder Lübzer Pils? Zwei Halbzeiten, zwei Kneipen gegen Island Tor und Zielflagge: Das Wochenende der Sportfans

Berlin : Milchkaffee oder Lübzer Pils? Zwei Halbzeiten, zwei Kneipen gegen Island Tor und Zielflagge: Das Wochenende der Sportfans

Stefan Jacobs

Zwei Halbzeiten an zwei Orten: die eine bei den kultivierten Fans, die andere bei den authentischen. So macht Fußball Spaß.

Ein zufriedenes „Yeah!“ schallt bei Ballacks erstem Treffer aus den Sesselgarnituren. „Fuck!“, flucht Oskar hinter dem Tresen. Nicht weil er für Island ist, sondern weil er gerade einen Milchkaffee einrührt und dabei den Fernseher aus den Augen gelassen hat. „Das passiert mir immer“, sagt Oskar. Aber ausufernd geflucht oder gejubelt wird nicht. Nicht hier, beim Verein „Brot und Spiele“ in der Pappelallee, wo sich die kultivierten Fußballfreunde in einem kahlen Raum voll abgeschubberter DDR-Sessel treffen. Sie tragen Jeans plus Schlabberpulli oder Hemd, dunkel zumeist, keine Fan-Kluft jedenfalls, trinken Becks aus 0,33er-Flaschen und haben auch bei der Riesenchance für Island einen Puls von 60.

Der Verein veranstaltet Lese- und Philosophierabende mit Sportjournalisten, lädt zum gemütlichen Bundesliga-Gucken und bestreitet auch mal das Abendprogramm im WM-Fußball vor dem Brandenburger Tor. „Wir wollen langsam wachsen. Uns ist eher wichtig, dass auch Frauen kommen“, sagt Oskar, schaut sich um und fügt hinzu: „Okay, heute ist kein gutes Beispiel.“

Kurz vor der Halbzeitpause bringt dann doch noch einer seine Freundin mit. Sie lassen sich weit vorn im Raum nieder. Die Fernsicht ist durch dichte Rauchschwaden getrübt, in der Pause wird gelüftet und geredet – vereinzelt auch über Fußball.

In „Schuppes Sport-Klause“ in der Torstraße kommt Inhaber Schuppe kaum mit Zapfen nach. Lübzer Pils wird hier serviert. Die anwesenden Frauen werden Platz sparend auf den Schößen der Männer aufbewahrt. Eng ist es trotzdem. Einer am Tresen trägt das WM-Trikot für 2006. Er sagt, er habe einst selbst bei Hansa Rostock gespielt. Das ist ein paar Jahre und zwei Kreuzbandrisse her; jetzt behält er hier mit den anderen die deutschen Spieler im Auge: „Na sacht mal, hat euch einer was in den Pausentee getan?“, knurrt er beim Kaltstart in die zweite Halbzeit. „Nu macht mal!“ Oder: „Eh, außen ist alles frei!“ Die meisten bei Schuppe sind „Fischköppe“, die es von der Küste nach Berlin verschlagen hat. Beim Gegentor fallen vor Schreck fast ein paar Gläser runter. Dann bekommt der Schiri mächtig Ärger, weil er es nicht gegeben hat. Wäre ein Tor gewesen, keine Frage. Sportliche Geister in Schuppes Laden. Beim Abpfiff zerstreuen sie sich schnell.

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