Berlin : Mildes Urteil für Todesschüsse

Sechseinhalb Jahre Haft für 57-jährigen Cousin

Kerstin Gehrke

Mit einer scharfen Waffe in der Hand marschierte Bernd J. über einen belebten Platz. Ihm war alles egal. Er, der Krebskranke, hatte die zynischen Worte seines Cousins im Ohr. „Ich wünsche dir einen schönen Tod“, hatte Reinhard K. kurz zuvor gerufen. Bernd J. schoss so lange auf den verhassten Verwandten, bis das Magazin leer war. „Das kam einer Hinrichtung gleich“, hieß es gestern im Urteil. Dennoch fiel das Urteil mit sechs Jahren und sechs Monaten Haft milde aus.

Der 57-jährige J. wurde des Totschlags schuldig gesprochen. Allerdings gingen die Richter von einem minderschweren Fall aus. Der zurückgezogen lebende Mann, der über Jahre hinweg Piesackereien des zwei Jahre älteren Cousins erduldet hatte, sei an jenem Abend nicht mehr zu bremsen gewesen. „Da ist ein Fass zum Überlaufen gekommen“, sagte der Vorsitzende Richter. Aufgrund der bösartigen Bemerkung sei bei dem Angeklagten „ein Schalter umgekippt“.

Die Cousins leben im selben Hochhaus in Lichtenrade, sieben Etagen voneinander entfernt. Bernd J., ein Starkstromelektriker, hatte den Kontakt zu Klempner Reinhard K. 2005 abgebrochen. Zufällige Begegnungen aber gab es immer wieder. So war es auch am 14. April. Bernd J. hatte nach Chemotherapie und Operation erstmals wieder Bier getrunken. Gegen 18 Uhr wollte er Nachschub holen. Vor dem Supermarkt an der John-Locke-Straße stand sein Cousin mit Kumpels herum.

Der Verwandte ging auf J. zu. Es kam zu Beleidigungen. Bernd J. hielt erstmals dagegen. Er zog ein kleines Messer und verlangte: „Lass mich in Ruhe!“ Dann wollte er gehen. „Endlich hatte er einmal die Oberhand“, hieß es im Urteil. Doch Reinhard K. musste das letzte Wort haben. Er wünschte seinem Cousin einen „schönen Tod“. Da ging Bernd J. in seine Wohnung und holte eine Waffe, die seit Jahren in seiner Küche lag. Mit „Tunnelblick“ sei er auf seinen Cousin zugegangen, beschrieb der Richter das Geschehen. Reinhard K. wollte mit seinem Fahrrad wegfahren. Doch die Kette sprang ab. Fünf Kugeln trafen ihn, zwei davon in den Kopf. Kerstin Gehrke

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