Berlin : Millionen aus dem Kongo im südafrikanischen Versteck

Werner Schmidt

Die E-Mail kam überraschend. Der Absender gab sich als Sohn des ermordeten kongolesischen Präsidenten aus. Er bat um strikte Vertraulichkeit und um Hilfe. Nach seiner Flucht nach Südafrika, so schrieb der angebliche Präsidentensohn dem Berliner Empfänger, könne er an 15,5 Millionen Dollar aus dem Vermögen seines Vaters gelangen. Um sie sicher außer Landes zu bringen, benötige er ein Konto im Ausland. Wenn dies geschafft sei, wolle er die Millionen investieren. Der Empfänger der E-Mail solle für seine Hilfe 20 Prozent erhalten. Eine Telefon- und eine Faxnummer sind für Interessenten in dem in Englisch gehaltenen Schreiben angegeben.

Was sich liest wie der Hilfschrei eines verzweifelten Mannes ist nichts anderes als der Anbahnungsversuch eines groß angelegten und gut organisierten Betrugsmanövers. Diejenigen, die daraufhin ihr Interesse signalisieren, werden finanziell ausgenommen, wie eine Weihnachtsgans. Über die Ungereimtheiten und Fallstricke in dem Brief lesen diejenigen, die das große Geld wittern, großzügig hinweg. Dirk Hoffmann leitet im Landeskriminalamt (LKA) Berlin die Ermittlungsgruppe Schwarzafrikaner. Er hat im Laufe seiner sechsjährigen Tätigkeit erfahren: "Bei manchen schaltet der Verstand ab, wenn sie das große Geld sehen."

Für den Transfer der Millionen werden zunächst Gebühren fällig, um das in Südafrika deponierte Geld auszulösen. Dann entstehen Transfer-Kosten, notfalls muss angeblich auch noch Bestechungsgeld gezahlt werden. Diese Kosten muss natürlich der deutsche "Geschäftspartner" tragen. Die Phantasie der Betrüger, ihre Opfer zur Vorauskasse zu bitten, ist so groß wie der angeblich Geldberg, der natürlich nicht existiert. Vorzüglich verstehen es die gebildeten und seriös auftretenden afrikanischen Betrüger, Zweifel ihrer deutschen "Mugus" zu zerstreuen. "Mugu" nennen Hoffmann zufolge die Betrüger ihre Opfer. Das heißt soviel wie geldgieriger, weißer Dummkopf. Denen entgeht meist sogar, dass sie von den angeblich mittellosen Afrikaner in teuren Nobelhotels empfangen werden. Will ein Opfer aussteigen, dann wird auch schon massiv gedroht: Mit Mord, mit Verfolgung durch die Polizei, selbst Hoffmann ist schon telefonisch bedroht worden, nachdem seine Mitarbeiter mehrere potenzielle Opfer warnten. Ernstgenommen hat er diese Drohungen nicht. Ihm ist auch nicht bekannt, dass sie tatsächlich schon einmal umgesetzt wurden.

Aber er hat es mehr als einmal erlebt, dass die Opfer selbst dann noch an den wundersamen Geldberg glauben, wenn die Polizei in vergleichbaren Fällen die Täter festgenommen hat: "Häufig wollen die Opfer nicht wahrhaben, dass sie auf Betrüger hereingefallen sind." Die Täter sind in Netzwerken organisiert, die weltweit operieren. Die beschriebene Betrugsmasche ist nicht nur in Berlin und in weiten Teilen Europas verbreitet, sondern es wird damit auch in Japan, Singapur, Australien oder Amerika Geld gemacht. Häufig stecken der Polizei zufolge nigerianische Familienclans dahinter.

Auf die Betrüger sind laut Hoffmanns Mitarbeiter Eckhard Peters schon Rechtanwälte, Ingenieure, Lehrer und Journalisten hereingefallen. Ebenso erhoffte sich so manches mittelständische Unternehmen, den großen Coup zu landen, und die eine oder andere Kleinfirma in Westdeutschland sei auf diese Art auch schon in den Ruin manövriert worden. Hoffmann schätzt, dass den Betrügern pro Jahr in Deutschland eine zweistellige Millionensumme in die Hände fällt.

Die E-Mail-Adressen haben die Betrüger vermutlich von den Industrie- und Handelskammern. Dort erhält man die Adressen für 25 Pfennig pro Stück zuzüglich einer Grundgebühr. Möglich ist die Auswahl nach Wirtschaftzweigen oder der Zahl der Mitarbeiter eines Unternehmens.

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