• Millionen gespart: Berlins Ärzte greifen seltener zum Rezeptblock Krankenkassen bestätigen zurückhaltende Verordnung von Medikamenten

Berlin : Millionen gespart: Berlins Ärzte greifen seltener zum Rezeptblock Krankenkassen bestätigen zurückhaltende Verordnung von Medikamenten

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Von Ingo Bach

Berliner Ärzte verschreiben weniger und besser ausgewählte Medikamente als ihre Kollegen in anderen Bundesländern. Das ist das Resümee einer repräsentativen Untersuchung, die der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse (GEK) machte. Für den „GEK-Arzneimittel-Report“ hat er rund zehn Millionen Rezepte ausgewertet, die 2001 bei der Krankenkasse abgerechnet wurden. Auch in den ersten Monaten des Jahres 2002 ist der Anstieg der Arneikosten in Berlin weniger dramatisch als im übrigen Bundesgebiet. Vor wenigen Jahren galten Berlins niedergelassene Ärzte aus Sicht mancher Kassen noch als besonders „verschreibungswütig“.

„Die Ärzte müssen sich in einem Wust von Medikamenten zurechtfinden und auch noch die Kosten im Auge behalten“, sagte Glaeske dem Tagesspiegel. „46 000 zugelassene Medikamente sind auf dem deutschen Markt, ein Drittel davon ist nicht auf die Wirksamkeit überprüft.“ Als Beispiel nennt der Pharmakologe Venenmedikamente. „Viele von denen wirken nicht.“ Doch die Mediziner verschrieben solche umstrittenen Mittel trotzdem. Ein Grund dafür sei der starke Konkurrenzdruck gerade in Ballungsgebieten, wo viele Niedergelassene um ihre Patienten kämpfen müssen. „Das führt dazu, dass sie das verschreiben, was die Patienten fordern." Nicht so in Berlin. Hier gehören nur 4,4 Prozent der verordneten Pharmaka in die Kategorie „umstritten", während es beispielsweise in Nordbaden 9,9 Prozent sind. Die Krankenkassen müssen in jedem Falle zahlen, da es sich um zugelassene Medikamente handelt.

Im Jahr 2001 verordneten Berliner Ärzte jeweils 100 Versicherten der Gmünder Ersatzkasse (GEK) 667 Packungen Arzneimittel, ihre Nordbadener Kollegen ließen 943 Packungen springen. Mit den wenigsten Medikamenten im Bundesvergleich gaben sich die Brandenburger zufrieden: nur 545 Packungen pro 100 Versicherte. „In Berlin und Brandenburg gibt es schon seit Jahren eine sehr erfolgreiche pharmakologische Beratung von der Kassenärztlichen Vereinigung und den Krankenkassen. Das zahlt sich jetzt aus", heißt es im Arznei-Report. Vor allem für die Krankenkassen: Die hiesigen Ärzte ersparen alleine der kleinen GEK jährlich rund 500 000 Euro, die sie zahlen müsste, wenn die Mediziner entsprechend dem Bundesdurchschnitt verschrieben.

Doch nun scheinen die Brandenburger ihren Rückstand ausgleichen zu wollen. Die Betriebskrankenkassen (BKK), die in Berlin und Brandenburg rund eine Million Versicherte haben, schlagen Alarm. „Die Ausgaben für Arzneimittel in Brandenburg drohen außer Kontrolle zu geraten“, warnt Reiner Ziebeil vom BKK-Landesverband Ost. Die Kosten für Medikamente stiegen in Brandenburg im April um 15,6 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat. Brandenburgs Ärzte verschrieben im April Medikamente und Heilmittel im Wert von 67,1 Millionen Euro.

In Berlin ist dieser Anstieg dagegen mit 2,5 Prozent sehr moderat. BKK-Sprecher Ziebeil: „Die Berliner Ärzte sind sensibler gegenüber fragwürdigen Medikamenten.“ Das hat einen einfachen Grund: Versicherungen und Kassenärztliche Vereinigung handeln exakt aus, wie viele Arzneien die Mediziner bestimmter Fachrichtungen pro Quartal und Patient in ihrer Praxis verschreiben dürfen. Überschreitet ein Arzt dieses Budget, wird er in Regress genommen. Diese Notbremse war das Resultat des bis dato sehr hohen Arzneimittelverbrauchs in Berlin. Noch im Jahr 2000 verschrieben die Berliner Ärzte im Bundesvergleich die meisten Medikamente. Das ging damals aus dem Arzneiverordnungsreport aller Krankenkassen hervor (siehe Kasten). Allerdings lag schon vor zwei Jahren der Anteil umstrittener Medikamente in Berlin im Bundesvergleich weit unten.

Nun soll sparsames Verordnen noch mehr gefördert werden. Derzeit arbeiten die Kassen in Berlin an einer Pharma-Beratungsstelle für Ärzte. „Apotheker werden Mediziner anrufen, die besonders teuer verschreiben“, sagt Heike Murner, Landesgeschäftsführerin der Barmer-Ersatzkasse. Damit wolle man die Mediziner nicht unter Druck setzen, sondern „sensibilisieren“. Noch in diesem Jahr sollen die Beratungen beginnen.

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