Berlin : Millionenschuld treibt Sozialstationen in die Pleite

Christoph Stollowsky

Hochverschuldete Sozialstationen werden von einem Träger zum anderen geschoben, Pfleger arbeiten für immer weniger Geld, Patienten fürchten, dass sie schlechter versorgt werden: Es kriselt in etlichen Sozialstationen für häusliche Alten- und Krankenpflege. Am vergangenen Donnerstag stellte der Rot-Kreuz-Kreisverband Nordost Insolvenzanträge für vier seiner Sozialstationen. Er hatte sie erst vor drei Monaten von einem Privatbetreiber übernommen, doch inzwischen stellte sich laut DRK heraus, das unter dessen Regie Sozialversicherungsbeiträge in Millionenhöhe nicht abgeführt worden sind. Ein Schuldenberg, der seine Nachfolger offenbar in die Pleite riss. Gestern wurde nun bekannt, dass Berlins Arbeiterwohlfahrt fünf erst jüngst verkaufte Sozialstationen an denselben Betreiber, Georgio Giannakopoulos, abgegeben hat.

Die rund 340 Mitarbeiter der an Giannakopoulos verkauften früheren AWO-Sozialstationen fürchten nun, dass sich ihre Arbeitsbedingungen und Gehälter unter dem neuen Betreiber erheblich verschlechtern werden. Sie "trauen ihm", so ein Betriebsrat, "nicht über den Weg". Und die Belegschaft der Pleite gegangenen DRK-Sozialstationen hofft nun auf das Geschick des Insolvenzverwalters. Die Zukunft dieser Einrichtungen und ihrer 180 Mitarbeiter ist völlig offen.

Das Rote Kreuz kaufte von ihm und geriet dadurch nach eigener Darstellung in finanzielle Not - die AWO gab ihre in die Miesen geratene Sozialstationen an ihn ab, um Schuldenbringer loszuwerden: Dieses Hin- und Her um den Privatbetreiber Giannakopoulos verursacht auch in Gewerkschaftskreisen Aufregung. Schließlich wirft die Dienstleistungsgewerkschaft "ver.di" dem Unternehmer schon seit längerem Lohndrückerei vor.

Wie berichtet, hat die AWO ihre Pflegegesellschaft für den Südwesten Berlins an die Pflegefirma "Senioren in Berlin eGmbH" verkauft. Fünf Sozialstationen gehörten dazu, die in diesem Jahr 3,5 Millionen Mark Verlust brachten. Laut AWO zog man "die Notbremse" und übergab die Einrichtungen an Giannakopoulos: Er ist nach Angaben ihres Betriebsrates Gesellschafter der "Senioren in Berlin eGmbH" und kann nach Einschätzung von Fachleuten ohne Abstriche beim Personal und Lohnkürzungen kaum aus der Verlustzone kommen. Mit der Personalvertretung geriet er bereits heftig aneinander - und in diese Situation platzte die Nachricht über die Rot-Kreuz-Pleite im Nord-Osten.

Für vier Sozialstationen in Spandau und Köpenick mit mehreren hundert Patienten ist dort nun ein Insolvenzverwalter zuständig. Diese Einrichtungen waren laut DRK in einer Gesellschaft von Giannakopoulos, zusammengefasst, die nach Angaben von "ver.di" als "Lohndrücker" auffiel. Doch die Sozialfirma kam offenbar aus den Miesen nicht heraus, weshalb sie ihr Besitzer im August für eine symbolische Mark ans DRK verkaufte.

Das Rote-Kreuz Nordost betrieb zu diesem Zeitpunkt nur eine Sozialstation und wollte "dieses Geschäftsfeld erweitern", sagt Kreisgeschäftsführer Werner Wittkopf. Er selbst gesteht ein, dass man dabei offenbar blauäugig vorging und Angaben des Verkäufers unzureichend geprüft habe. Schon bald nach der Übernahme ergab sich dann laut Wittkopf die Millionenlücke. Kranken- und Sozialversicherungen hätten ausstehende Zahlungen angemahnt. Nach Angaben des DRK-Betriebsrates bestätigte die Barmer Ersatzkasse zudem "auf Anfrage, dass Beiträge von Kollegen in der Vergangenheit nicht überwiesen wurden". Georgio Giannakopoulos war trotz vielfacher Bemühungen für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Das Rote-Kreuz prüft nun die Erfolgsaussichten einer Strafanzeige gegen den Unternehmer. Da die Sozialstationen rechtlich vom Kreis getrennt sind, müsse das DRK für die Schulden nicht aufkommen. Die Gehälter werden im Rahmen des Insolvenzverfahrens vorerst vom Arbeitsamt übernommen. Die Betreuung der Patienten ist laut DRK deshalb vorerst gesichert.

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