Berlin : Milonga-Mania

Andreas Oswald

Immer mehr Tänzer lockt es in die immer zahlreicheren Tangosäle. Mitten in diesem Boom hat die lange Zeit wichtigste Institution des argentinischen Tangos in Berlin jetzt endgültig geschlossen. Tango im Roten Salon der Volksbühne - das war viele Jahre lang der wichtigste Anlaufpunkt der Tangueras und Tangueros. Jeden Mittwoch trafen sich hier die Beinkünstler. Die eigentümliche Rotlicht-Atmosphäre, das Theaterumfeld, der Aufbruch des Nachtlebens im Osten nach dem Mauerfall, all das machte den Ort zum idealen Platz für die Renaissance des argentinischen Tangos. Diese hatte in Berlin schon ein paar Jahre vorher begonnen, doch mit dem Roten Salon bekam die Stadt eine der ersten regelmäßigen "Milongas", wie Tangoveranstaltungen genannt werden. Keine andere Milonga lebte so lange wie der Tango im Roten Salon. In den letzten Monaten waren die Milongas im Roten Salon immer seltener geworden. "Jetzt ist endgültig Aus", sagt Veranstalter Michael Rühl, einer der Pioniere des Tangos in Berlin. Rühl hat seit längerem einen anderen erfolgreichen Laden: das "Ballhaus Rixdorf", das sonnabends der wichtigste Tanzplatz der Tangueros ist.

Erotik im Takt - mit Wehmut denken Tänzer an den Roten Salon zurück, traten hier doch in den Tanzpausen die besten argentinischen Bühnentänzer mit Kurzeinlagen auf, die sonst nur auf der Bühne oder in Südamerika zu sehen waren. Dabei war es vor allem die intime Atmosphäre dieses überschaubaren Ortes, der eine große Ausstrahlung auf das Publikum hatte. Und mittendrin die Berühmtheiten aus Argentinien. Direkt zum Anfassen, wo sie auf der Bühne doch so fern schienen.

Dabei ist es eine Ironie, dass es nicht Einflüsse aus Argentinien waren, die die Tango-Renaissance beflügelten. Es war genau umgekehrt: Der Tango erfuhr in den 80er Jahren in Berlin und später in Paris und Amsterdam seine Wiedergeburt. Zu diesem Zeitpunkt tanzten in Argentinien nur alte Leute Tango. Die jungen Argentinier richteten damals - wie immer schon - ihren Blick nach Europa und tanzten nach Techno-Rhythmen aus Berlin. Als in Berlin der Tango wieder aufkam, begannen die jungen Argentinier wieder zu tanzen und verkauften sich hier als die authentischen Tangoprofis, die den Berlinern Unterricht gaben. So sind Berliner Tänzer und Musiker in Buenos Aires anerkannt, weil sie als Begründer des Booms gelten, und die Argentinier sind die Stars bei uns, weil sie als Original gelten.

Der wichtigste Ort, an dem man tanzte, war der Rote Salon. Warum gibt es dort jetzt keinen Tango mehr? Die Zahl der Tangotänzer wächst von Jahr zu Jahr. Wo bleiben sie? "Die Leute wollen Abwechslung", sagt Michael Rühl, der ein genaues Händchen hat für seine Tangogemeinde. "Irgendwann hat sich jeder Ort überlebt, die Menschen suchen immer etwas Neues."

Immer wieder entsteht ein neuer Tangoplatz und ein alter macht dicht. Die Veranstalter sind dabei oft die gleichen. So wird es beispielsweise dienstags in der Kalkscheune nur noch bis zum Jahresende Milongas geben. Der Veranstalter verlegt die Veranstaltung in die Tanzschule bebop am Kreuzberger Mehringdamm. Dort hat er dann zwei Termine pro Woche, dienstags und - wie jetzt schon - freitags.

Oft sind es kleine, intime Plätze, an denen neue Milongas veranstaltet werden. Da verabreden sich vor allem im Sommer Paare vor Museen und auf Plätzen, um zu leisen Klängen aus dem Gettoblaster zu tanzen. Bis es wieder soweit ist, bevölkern die Tänzer jeden Abend in der Woche die Ballhäuser der Stadt. Und manchmal denken sie an die große Zeit des Roten Salons zurück.

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