Minderjährige Mütter : „Manchmal möchte ich nur meine Jugend zurück“

Wenn aus Mädchen Mütter werden, sind die meisten völlig überfordert und werden von den Vätern sitzen gelassen. Doch es gibt Hilfe - und erfreuliche Ausnahmen. Zu Besuch in einem Wohnprojekt.

Alicia Rust
In Sicherheit. Für Sandra T. mit ihrem Sohn Jan ist das Mutter-Kind-Haus die Chance, ihr Leben als minderjährige Familie in den Griff zu bekommen.
In Sicherheit. Für Sandra T. mit ihrem Sohn Jan ist das Mutter-Kind-Haus die Chance, ihr Leben als minderjährige Familie in den...Foto: Alicia Rust

Als Sandra T. die Schwangerschaft bemerkte, hatte sie keine Wahl mehr. Da sie ihre Regel bislang nur unregelmäßig bekam, hatte die 13-Jährige keinen Verdacht. Bis die Frauenärztin sagte: 7. Monat. „Ich stand vollkommen unter Schock“, sagt die inzwischen 17-Jährige, während ihr Sohn Jan fröhlich im Garten des Mutter-Kind-Hauses des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks in Lichterfelde Ost herumtobt.

Mit 14 wurde Sandra Mutter. Eine von rund 4000 minderjährigen Müttern in Deutschland pro Jahr. Bis dahin hatte das Mädchen mit den dunkelbraunen Locken beim alkoholkranken Vater in Cottbus gelebt, die Mutter war nach Berlin umgezogen. Der damalige Freund, der Vater des Kindes, war mehr als ein Jahrzehnt älter als die Schülerin und bereits Vater. „Er hat sich bald aus dem Staub gemacht“, sagt Sandra T. Ihr Sohn, inzwischen zweieinhalb, wird wohl ohne Vater aufwachsen, sie bedauert das.

Sie wollte nie Kinder. „Schule, Abitur, ein Studium mit dem Schwerpunkt Tanz. So hatte ich mir mein Leben vorgestellt“, sag sie. Es kam anders.

Ihre Mutter machte ihr schwere Vorwürfe, der Kontakt brach ab, erzählt Sandra leise. Ihr Vater aber sagte: „Wir schaffen das schon.“ Es kam anders.

Totale Überforderung auf allen Ebenen, nach einem Eklat lief Sandra mit ihrem Baby von zu Hause fort. Die Mutter schaltete von Berlin aus das Jugendamt ein. „Damals für mich die zweite Katastrophe“, sagt Sandra, die inzwischen wieder die 9. Klasse einer Berufsbildenden Schule besucht. „Ich wollte keine Hilfe annehmen, ich habe mich gegen jede Einmischung von außen gewehrt“, sagt sie. „Ich war davon überzeugt, alles alleine zu schaffen.“ Das Jugendamt stellte die junge Mutter vor die Wahl: Entweder du gehst ins Mutter-Kind-Haus oder du verlierst dein Kind. Sie wählte Lichterfelde Ost, begab sich in die Obhut zweier fester Betreuerinnen in einer Wohngruppe mit drei anderen minderjährigen Müttern. Es gefalle ihr „eigentlich gut“, sagt Sandra T. „Das hätte ich niemals alleine geschafft.“ Für einen kurzen Moment hellt sich ihre Miene auf, die blauen Augen leuchten, ein offener Kinderblick.

Die Oma kommt regelmäßig vorbei - damit Sandra nicht immer erwachsen sein muss

Der Kontakt zu ihrer eigenen Mutter, der zwischenzeitlich ganz abgebrochen war, wie Sandra leise erzählt, hat sich entspannt. „Wir verstehen uns gut“, sagt sie. Die Oma kommt regelmäßig, passt auf ihren Enkel auf, damit Sandra auch mal einen Abend für sich hat. Einfach mal tanzen gehen, ins Kino, Freundinnen treffen. Nicht immer erwachsen sein muss.

Sandra hat konkrete Pläne. Nach den Sommerferien umziehen in eine von zwölf 2-Zimmer-Wohnungen, über die das Mutter-Kind-Haus im näheren Einzugsbereich verfügt. Jan, der nach dem Schaukeln fröhlich selbst gemalte Bilder verteilt, wird weiterhin die Kindergruppe hier besuchen. Und Sandra wird weiterhin zu den Gesprächsrunden, Familienfrühstücken und Hausabenden kommen. Eine Betreuerin wird sie zwei- bis dreimal pro Woche in ihrer Wohnung besuchen.

„Bei uns lernen viele der jungen Mütter oft erstmals überhaupt eine feste Tagesstruktur kennen“, sagt Heimleiterin Elke Heßmann. So lernen sie, was ihre Kinder brauchen. „Das fängt mit einer gesunden Ernährung an und hört mit der emotionalen Beziehung auf.“ Vom Arztbesuch bis zu Behördengängen, von psychologischer Betreuung bis zur juristischen Beratung und der Vermittlung einer Ausbildung – bei allem wird den Frauen hier geholfen. Das kostet den Staat rund 100 Euro am Tag, wie Kritiker der Einrichtung vorrechnen. Heßmann, studierte Sozialpädagogin, entgegnet: Was es den Staat wohl kosten, wenn diese jungen Frauen ihrem Schicksal überlassen blieben und ein Leben lang vom Staat abhängig wären? „Wenn die jungen Mütter durch unsere Unterstützung auch noch die Schule oder eine Ausbildung schaffen, dann haben wir alles richtig gemacht“, sagt sie.

Viele Väter fühlen sich nicht zuständig, manche reagieren mit Gewalt

Was sich bei Sandra vernünftig anhört, ist hart erarbeitet. „Die meisten jungen Mütter, die uns vom Jugendamt geschickt werden, kommen bereits mit einer sehr schwierigen Vorgeschichte zu uns“, sagt Heßmann. Laut statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2012 in Berlin und Brandenburg 413 Kinder von minderjährigen Müttern zur Welt gebracht. „Die meisten sind alleinerziehend“, sagt Heßmann. Viele hätten bereits gewaltvolle Erfahrungen in ihren Familien gemacht. „Viele sind traumatisiert, manche sind psychisch krank.“ Oft ist Alkohol im Spiel oder Drogen. Wenn es gar nicht anders geht, werden die Babys in eine Pflegefamilie gegeben. „Im Zweifel steht immer der Kinderschutz im Vordergrund“, sagt Heßmann, selbst Mutter zweier Teenager-Kinder. Diese Entscheidung falle allen Beteiligten schwer.

Die meisten kommen zunächst nur aus Angst, ihr Kind zu verlieren ins Mutter-Kind-Haus. Bei Elina K., 17, war das anders. Sie lebt mit ihrem knapp einjährigen Sohn Bruno in einer Wohngruppe ein Stockwerk über Sandra T. Anders als die meisten minderjährigen Mütter lebt die Schülerin bereits seit drei Jahren in einer festen Beziehung. „Mit 14 bin ich zu meinem Freund gezogen“, erzählt sie. „Es gab zu viele Probleme mit meinen Eltern.“ Letztlich war es ihr Freund, der sich gegen eine Abtreibung aussprach. Sie war damals erst knapp 15, ihr Freund noch in der Ausbildung, natürlich wollten sie noch kein Kind. „Dann haben wir die Herzschläge auf dem Ultraschall gesehen“, sagt sie. „Da war klar, dass wir uns nicht gegen unser Kind entscheiden würden.“ Nun wiederholt Elina K. die 9. Klasse, möchte danach eine Ausbildung machen, am liebsten zur Köchin.

Brunos Vater kommt regelmäßig, kümmert sich liebevoll, eine Ausnahme im Mutter-Kind-Haus, nicht selbstverständlich. Viele der Väter fühlen sich nicht zuständig, einige reagieren mit Gewalt. Zwei Väter haben daher zur Zeit Hausverbot im Mutter-Kind-Haus. Manche Mütter wissen nicht einmal genau, wer der Vater ist.

400 Euro monatlich bekommen die jungen Mütter für sich und ihr Kind

Elinas Freund darf sogar im Heim übernachten, die Besucherregelung ist großzügig. Er sucht gerade einen neuen Job, seine Wohnung wurde ihm auch gekündigt, keine gute Voraussetzung für eine so junge Familie. „Deshalb ist es gut, dass Elina hier aufgefangen wird“, sagt Heßmann.

Während einige der minderjährigen Mütter im Garten den Frühling genießen, machen sich andere an die Vorbereitung zum Hausabend, der einmal wöchentlich im Gemeinschaftsraum stattfindet. Die Bewohnerinnen kochen zusammen und jeder ist eingeladen: Die Mütter, die Kinder, die Betreuer, die Väter. „Manchmal kommen auch andere Verwandte wie die Großeltern hinzu“, sagt Elina, während sie am Vorhängeschloss ihres Kühlschranks herumnestelt. Jede Mutter verfügt über einen eigenen kleinen Kühlschrank in der Etagenküche, damit sie das Haushalten lernt. Wozu aber abschließen? „Hier wird wie wild geklaut“, sagt eine der ganz jungen Mütter, die ihren Namen lieber nicht nennen möchte. „Vor allem Hackfleisch ist sehr beliebt“, sagt eine andere. 400 Euro monatlich bekommen die Bewohnerinnen für Lebensmittel, Hygiene, Taschengeld für sich und das Kind. „Manchmal, wenn sie Geld für Zigaretten oder so ausgeben, merken sie irgendwann, dass das Geld für Lebensmittel knapp wird“, sagt Elke Heßmann.

Elina hat noch einen Berg Wäsche zu bewältigen, den sie später bügeln will. Ihre Freundin Sandra zieht sich eine Etage tiefer zurück, um für die Schule zu lernen. In letzter Zeit sind ihre Leistungen schlechter geworden. Der Haushalt, das Kind, da kommt die Schule oft zu kurz, gesteht sie. „Manchmal hätte ich einfach gern meine Jugend zurück“, sagt sie leicht trotzig. Sandra kämpft dagegen an, will unbedingt noch Abitur machen. Und dann? „Eine eigene Tanzschule!“, sagt sie, ohne nachzudenken. Mit den Schwerpunkten Latina, Salsa und Hip Hop Dance. Und mit Kinderbetreuung, versteht sich.

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