Berlin : Mini-Bike: Born to be child

Steffi Bey

Ein Angeber ist der achtjährige Chris nun wirklich nicht. Und erst recht kein Lügner. Doch vor einem Jahr hätten ihn seine Freunde fast damit beschimpft. Denn Chris erzählte damals in der Schule, dass er zum Geburtstag eine "Harley" geschenkt bekommen hat. Nicht so eine kleine, die man sich nur ins Regal stellt oder per Fernbedienung ins Rollen bringt: Sondern einen echten Chopper. Ein Mini-Bike mit dem er richtig fahren kann. Erst als seine Freunde mit zum Gewerbepark an der Warener Straße kamen, glaubten sie ihm. Schließlich übertraf das, was sie dort sahen, alle Erwartungen.

Chris holte eine orangefarbene "Harley" aus der Garage, setzte sich auf das Gefährt, ließ den Motor an, legte den ersten Gang ein und knatterte davon. Genau so, wie es die großen Harley-Fahrer tun. Bloß nicht so schnell. "Maximal 50 Stundenkilometer sind aus der Maschine rauszuholen", sagt sein Vater, André Kimmritz, der das Bike gebaut hat. Aber so schnell darf Chris natürlich nicht fahren. Beim zweiten Gang ist Schluss, höher schalten tabu. Meistens jedenfalls, hält sich der Junge auch daran. Bloß wenn seine drei Jahre ältere Schwester Vivian, die einen hellgrünen Chopper fährt, zum Überholen ansetzt, juckt es Chris ganz schön im Fuß.

"Ich finde es toll, dass wir schon echte Motorräder haben", sagt der Achtjährige. Schwergefallen sei es ihm nicht, das Fahren zu lernen. Und er ist froh, dass ihm sein Vater diese "albernen Stützräder" erspart hat. Denn nur ohne dieses Gestell kann er sich richtig in die Kurven legen, beschreibt er seine Bikererfahrungen. Die darf er allerdings nur auf privaten Geländen sammeln. Denn im öffentlichen Straßenland sind die "Mini-Harleys" nicht zugelassen, wie ein Polizeisprecher betont. Zwar haben die Beamten während eines Bikertreffens in der Nähe von Berlin schon mal ein Auge zugedrückt, aber das bleibt die Ausnahme. Fünf Mini-Motorräder sind inzwischen von "Twinworker", einem Zwei-Mann-Unternehmen, gebaut worden. André Kimmritz und Mario Heißner, die seit mehreren Jahren spezielle Motorradteile, Bootszubehör und auch besondere Ausrüstungen für Film- und Studiotechnik fertigen, verwirklichen sich mit den "Minis" eigene Kindheitsträume. Beide hatten zu DDR-Zeiten erst ein Moped der Marke Simson und später eine MZ. Schon damals wurde an den Krädern viel herumgebastelt und aufgeppt. Als André Kimmritz vor einem Jahr nach einem Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn suchte, war die Idee der Mini-Chopper geboren. Ohne Skizze wurde drauflosgebaut.

In nur zwei Wochen haben der Werkzeugmacher und der Elektriker einen alten 50-Kubikzentimeter-Honda-Motor so umrahmt, dass eine "Kinder-Harley" entstand. Gabelrücken, Fußrasten und Cover sind selbst gedreht und gefräst. Auch Scheinwerfer, Tachogehäuse und Rücklicht wurden in Biesdorf gefertigt. Obwohl Vivian und auch Chris gerade die glänzenden Aluteile gefallen, werden manchmal wütend. "Das Putzen und Polieren macht mir nicht solchen Spaß", erzählt das Mädchen. Doch der Vater bleibt hart: "Wer fahren will, muss sich auch um sein Gefährt kümmern" sagt er.

Vielleicht bringt das Unternehmer-Duo demnächst auch ein Trike auf den Markt. Zumindest träumt Kimmritz schon mal davon. "Twinworker" plant außerdem den Nachbau eines Mini-Ford. Chris und Vivian haben sich schon als "Testpiloten" angemeldet.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben