Berlin : Miniermotten-Plage so schlimm wie lange nicht

Senat ruft zum Laubfegen auf. Auch Pilze und eingewanderte China-Käfer bedrohen Berlins Natur. Schuld ist das Klima

Annette Kögel

So schön bunt leuchten die Herbstblätter in der Stadt. Leider werfen längst nicht alle Bäume ihre Blätter jahreszeitgemäß ab: Den rund 48 000 weißblühenden Kastanien geht es dieses Jahr wegen des enormen Miniermotten-Befalls „so schlecht wie lange nicht mehr“, sagt Expertin Barbara Jäckel vom Pflanzenschutzamt. Wegen des vergangenen warmen Winters und des trockenheißen Frühlings schlüpften dieses Jahr besonders viele Motten, deren Larven sich in gleich drei Generationen durchs Blattgrün fraßen. Weil viele Kastanien ihre Blätter früh verloren und es so warm war, treiben sie nun wieder neue Blüten aus – oder erstrahlen im Oktober gar in frühlingshaftem Grün.

„Auch Rhododendron und Kirschbäume sieht man in vielen Gärten wieder blühen“, sagt Frau Jäckel. Dass die Natur verrückt spiele, raube den Pflanzen und Bäumen aber viel Kraft, und das Grün werde bald erfrieren, sagt Jäckel.

Der Oktober ist bislang warm und feucht – in Wohnungen blüht bei solchem Klima der Schimmel, draußen leiden die Pflanzen an Pilzkrankheiten. „Viele Balkonbesitzer klagen, dass erkrankte Koniferen Nadeln abwerfen“, sagt Barbara Jäckel. Kleingärtner fegen nun faules Obst zusammen, und selbst Rasen leidet an Rostpilz. „Das erkennt man an orangener Farbe am Schuh“, weiß Jäckel.

Am Tag ist es warm, in der Nacht kühl: perfektes Wetter für Tau – in dem wiederum Pilze auch an Rosen derzeit prächtig gedeihen. Und die Klimaerwärmung bringt den Biologen zufolge noch ganz andere Wandlungen in Gang. Belgier und Franzosen züchteten chinesische Harlekin-Marienkäfer als biologische Schädlingsbekämpfer – entflohene Populationen breiten sich seit vergangenem Jahr auch hierzulande aus. Die roten Käfer mit bis zu 19 Punkten sind genau wie ihre deutschen Artgenossen Parasiten, vermehren sich aber schneller. Sie sind Nützlinge, fressen Läuse – was gut für die Linden ist. Doch die China-Käfer laben sich auch an Weintrauben, bedrohen die hiesige Käferpopulation – und drängen jetzt zunehmend in Wohnungen. „Wenn es draußen kälter wird, fliegen sie etwa am Potsdamer Platz in Richtung der hellen Hochhäuser und kommen durch die Fenster herein“, weiß Jäckel. Man sollte die Marienkäfer aber aufsammeln und hinaussetzen – „wenn man sie erdrückt, stinken sie“.

Das Gleiche gilt für Baumwanzen, die die Wärme in der Wohnung suchen. Die sind mal feuerrot, mal von gedeckter Farbe, vielfach auch aus südlicheren Gefilden neu eingewandert. Dem Menschen schaden sie nicht, aber als Mitbewohner will man sie auch nicht haben. Weil die Temperaturen steigen, fressen sich zunehmend Borkenkäfer durch Jungbäume. Und auch der Befall mit der wolligen Napfschildlaus, die auch Unter den Linden an der Rinde saugt, „ist leider schlimmer geworden“, sagt Jäckel. Der einzige Trost: Ist es länger warm, bleiben andere Bäume länger grün und geben mehr Sauerstoff und Schatten.

Seit gestern Nachmittag ist es aber vorbei mit dem sommerlichen Spätherbst, statt 20 soll es die nächsten Tage nur noch um zehn Grad geben, sagt Hans Joachim Knußmann von Meteoxpress. Er rechnet mit einem weiteren milden Winter. Deswegen richtet auch der Senat wieder seinen Appell an die Berliner: Gegen Miniermotten hilft nur, überall Laub zu fegen und es zu entsorgen. Annette Kögel

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