Minister für eine Woche : Zum Jugendgipfel nach Washington

Drei Berliner reisen zum Jugendgipfel nach Washington – um als Politiker die Welt zu verändern.

Franziska Felber
Freiwillig Politiker. Esther Franke, Thomas Gratowski und Belinda Grasnick (v.l.), die drei Berliner in Washington. Die Reisekosten müssen sie selbst tragen - und suchen dafür Sponsoren.
Freiwillig Politiker. Esther Franke, Thomas Gratowski und Belinda Grasnick (v.l.), die drei Berliner in Washington. Die...Foto: privat

Die Jugend von heute kümmert sich nur um das eigene Seelenheil, um Handys, Facebook und Co. Dass das Vorurteil nicht zutrifft, beweisen diese drei Berliner. Neben ihrem Studium engagieren sie sich in ihrer Freizeit politisch, um in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, im Umweltschutz und bei Menschenrechten Neues anzuschieben. Jetzt fliegen sie nach Washington, um beim „G8 und G20 Youth Summit“ von Sonntag an eine Woche lang in die Rolle von Regierungschefs und Ministern zu schlüpfen und reale Themen der G8- und G20-Staaten zu diskutieren. Bei dem Gipfeltreffen machen sich 22- bis 28-Jährige für eine neue Politik stark, 150 Teilnehmer reisen aus der ganzen Welt an. Das siebte Gipfeltreffen hat in Deutschland der Verein „Policy Innovation e. V.“ organisiert, die Bewerber mussten sich mit einem Essay und beim Telefoninterview behaupten. Im Mai trafen sich die europäischen Delegierten zu „EUrope's Voice“ in Berlin – ihre Forderungen bei der Tagung in den USA bekommen alle realen Regierungschefs schriftlich. Der Tagesspiegel traf die drei Berliner Kabinettsmitglieder.

BELINDA GRASNICK, 23 JAHRE,
UMWELTMINISTERIN

In meiner Schulzeit hat mich eine Lehrerin angeregt, täglich Nachrichten zu schauen und mich über Parteistandpunkte zu informieren. Seither engagiere ich mich, sei es bei Wahlen, auf Demos, bei Greenpeace oder anderen NGOs.

Zum Studieren bin ich von Köpenick zunächst nach Kassel und Nizza gegangen, jetzt mache ich im dänischen Aarhus meinen Master in Journalismus, Medien und Globalisierung. Ich glaube, es ist wichtig, sich international zu profilieren und zu engagieren. Umweltthemen bekommen zu wenig Beachtung. Bei einer Greenpeace-Kampagne zu Gentechnik haben wir auf der Straße kaum Menschen interessieren können. Deshalb bin ich beim Jugendgipfel Umweltministerin.

Meine wichtigsten Ziele in Washington: Dass ich das Recht auf Wasser durchsetze, die Nutzung von Atomkraft stärker einschränke und eine Kohlendioxidsteuer einführe. Es wäre ein bahnbrechender Erfolg, wenn sich das in allen G20-Staaten durchsetzte. Aber der chinesische Delegierte hat mir in Sachen Atomkraft schon eine Absage erteilt. Ich hoffe, dass unsere Stimme auch in der realen Politik ein bisschen zum Tragen kommt.

ESTHER FRANKE, 22 JAHRE,

AUSSENMINISTERIN
Das Soziale ist mein Herzensthema. Gerade in der Finanzkrise zeigt sich: Es wird immer bei den Schwachen gespart. Meine Familie ist sehr politisch, inzwischen bin ich aber die Einzige bei uns, die noch Mitglied der SPD ist.

In Washington möchte ich beim Youth Summit erreichen, dass wir den Arabischen Frühling unterstützen, ohne die kulturelle Grundlage der Länder zu vergessen. Außerdem sollen schwule und lesbische Paare in allen G8-Staaten heiraten können. Der französische Regierungschef wollte sich beim Treffen in Berlin nicht darauf einlassen, da das hieße, dass diese Paare Kinder adoptieren könnten. Da muss ich mir sagen: Bleib gelassen, es ist keine reale Politik.

Ich komme aus Neukölln und studiere in Frankfurt/Oder Kulturwissenschaften, mit Schwerpunkt Sozial- und Politikwissenschaften. Als Vorsitzende des Fachschaftsrats sehe ich, dass viele Studenten sich nicht einmal für ihre Studienbedingungen interessieren. Doch die Piratenpartei zeigt, dass auch junge Leute politisch sind – sie lehnen nur die etablierten Parteien ab. Inspiriert haben mich Barack Obama und die ehemalige Präsidentin Chiles, Michelle Bachelet. Parteikarriere möchte ich nicht machen, aber trotzdem in die Politik gehen.

THOMAS GRATOWSKI, 23 JAHRE,
VERTEIDIGUNGSMINISTER

Ich habe zwei Jahre in Beirut, Libanon, studiert, und in Abu Dhabi habe ich in der Außenhandelskammer als Praktikant mitgewirkt. Durch den vom Bürgerkrieg geprägten Libanon und die Nähe zu Iran ging es viel um Sicherheitspolitik. Deshalb habe ich mich bei den Youth Summits als Verteidigungsminister beworben – den Aufruf hatte ich bei Facebook gelesen. Ich wohne in Tempelhof, studiere Politik- und Wirtschaftswissenschaft an der FU, außerdem Arabisch.

Wir sind der Realität nicht so sehr verpflichtet wie die echten Politiker. Dennoch möchte ich unsere Positionen so formulieren, dass sie im kleinen Rahmen auch in der Realität Einfluss nehmen könnten. Ich möchte in Washington Russland in ein vertieftes partnerschaftliches Verhältnis zur NATO führen, denn Deutschland hat aufgrund der Lage gute Beziehungen zu beiden Seiten. In Washington werden wir darum bestimmt feilschen müssen. Außerdem wollen wir eine militärische Auseinandersetzung mit Iran verhindern.

Seit drei Jahren engagiere ich mich bei bei der Jungen Union. Ich würde gerne etwas mit Außenpolitik machen, will aber kein Parteipolitiker werden. Zum Ausgleich zu meinem Engagement mache ich Sport und manchmal spiele ich E-Gitarre und Klavier. Aber das kommt in letzter Zeit ein bisschen kurz.

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