Minister mit Migrationshintergrund : Das Beste beider Welten

Der gebürtige Vietnamese Philipp Rösler wird Gesundheitsminister. Die Berliner Vietnamesen freut’s.

 Eva Kalwa
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Foto: ddpddp

„Nur Bildung führt weg vom Reisfeld“ soll Konfuzius vor über 2500 Jahren gesagt haben. Dass mit Philipp Rösler (FDP), der heute Nachmittag im Bundeskabinett als neuer Gesundheitsminister vereidigt wird, ein gebürtiger Vietnamese einen der höchsten politischen Posten in Deutschland übernimmt, erfüllt die meisten der rund 12 500 gemeldeten Vietnamesen in Berlin mit Stolz. Und dient ihnen als Beweis für die Richtigkeit der konfuzianischen Lehre von Bildung als höchstem Gut.

„Ich freue mich sehr über Röslers Berufung und bewerte es als ein positives Zeichen für die multikulturelle Ausrichtung der deutschen Gesellschaft“, sagt Phan Huy Thao. Der 44-Jährige arbeitet seit einigen Jahren als Migrationsberater für den Verein „Reistrommel“ in Marzahn, wo vietnamesische Migranten mit Sprachkursen, Sozialberatung und Kinder- und Jugendprojekten unterstützt werden. Wie die meisten der über 4000 in Lichtenberg und Marzahn lebenden Vietnamesen war Thao als Vertragsarbeiter aus dem kommunistisch geprägten Nord-Vietnam in die ehemalige DDR gekommen. Nach der Wende ist er geblieben, studierte, heiratete und bekam Kinder, die heute aufs Gymnasium gehen. „Doch längst nicht allen von uns betreuten Vietnamesen geht es gut – viele der Erwachsenen sind arbeitslos und haben aufgrund mangelnder Sprachkenntnis und Berufserfahrung kaum die Hoffnung, dass sich daran etwas ändert“, so Thao.

„Man könnte tatsächlich fast von einer Mauer sprechen, die noch immer durch Berlin verläuft“, sagt Martin Großheim vom Seminar für Südostasienstudien an der Humboldt-Uni. „Im Osten die Mehrheit der Vietnamesen, die Vertragsarbeiter der ehemaligen DDR, im Westen die gut integrierten ,Boatpeople‘, die infolge des Vietnamkrieges aus den kapitalistisch geprägten südlichen Landesteilen geflohen sind.“ Das bestätigt auch der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening, macht allerdings eine Einschränkung: „Ich glaube, dass sich dieser Konflikt in der jüngeren Generation langsam auflöst.“ In beiden Bevölkerungsgruppen scheint die Aufmerksamkeit für den neuen Gesundheitsminister jedenfalls enorm groß, auch wenn seine deutschen Eltern ihn schon im Alter von neun Monaten aus einem vietnamesischen Waisenhaus adoptiert haben und er ein Fan von Udo Jürgens und Herbert Grönemeyer ist. Das Interesse an Rösler beweisen die vielen Artikel auf vietnamrelevanten Internetseiten. Die vietnamesischsprachige Seite der BBC titelte sogar: „Ein Vietnamese wird Gesundheitsminister“.

Das hätten sich die Schüler der 9. Klasse der Barnim-Oberschule in Lichtenberg vor einigen Monaten bestimmt noch nicht träumen lassen. Ihr Rektor Detlef Schmidt-Ihnen hatte sie bei der Vereidigung Barack Obamas zum neuen US-Präsidenten nämlich gefragt, ob sie sich denn auch einen Vietnamesen als neuen deutschen Bundeskanzler vorstellen könnten – einhelliges Kopfschütteln war die Antwort. Und das, obwohl die meisten der rund 150 Vietnamesen seines Gymnasiums ausgezeichnete Schulnoten und Pläne für ein Studium haben. „Man darf bei all dem oft zitierten Fleiß und der relativen Pflegeleichtigkeit der vietnamesischen Schüler aber nie vergessen, dass auch sie Menschen mit Sorgen und Problemen sind“, sagt Schmidt-Ihnen. Die meisten werden von den Eltern, die oft nur wenig Deutsch können, sehr früh zu guten Noten erzogen und sprechen auch hervorragend Deutsch – allerdings nur wenig Vietnamesisch. „Die Folge ist Sprachlosigkeit in den Familien – und Aggression auf beiden Seiten, weil damit zwei Kulturen aufeinanderprallen“, so Schmidt-Ihnen.

Hà Richter, die Inhaberin des vietnamesischen Restaurants „Lemongrass“ in Mitte, hat sich diesem Spannungsfeld früh gestellt: „Wir haben uns als Eltern immer bemüht, den Kindern das Beste aus beiden Welten zu vermitteln“, sagt die 43-Jährige, die vor 20 Jahren nach Berlin kam und fließend Deutsch spricht. Ihre 20-jährige Tochter macht heute ein Praktikum in Kalifornien und will Touristikmanagement studieren, der 16-jährige Sohn geht auf ein Reinickendorfer Gymnasium und hilft zudem im Restaurant. „Eigentlich hätten Röslers Eltern nach seiner Adoption doch auch so denken müssen – dass er anscheinend nur wenig über seine vietnamesischen Wurzeln weiß, finde ich sehr schade“, sagt Richter.

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Bildungshungrig. Vietnamesen bei einem Integrationskurs in Ahrensfelde. Wissen gilt ihnen als höchstes Gut.Foto: Uwe Steinert
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