Berlin : Ministergärten: Vom alten Paradies bleibt allenfalls ein Gärtlein

Lothar Heinke

Die Ministergärten? Ratlos blickt der Mann hinüber zum Tiergarten, zuckt mit den Schultern und geht weiter. Wir stehen in der Ebertstraße, die Ministergärten sind also weder kalt noch lau, sondern richtig heiß - gleich nebenan. Doch wer Gärten sucht und Minister, der wird keines von beidem finden. Das Gelände zwischen Voßstraße und Brandenburger Tor ist anderweitig belegt und gewissermaßen dreigeteilt: Zur Behrenstraße hin ein sandiges Biotop mit zwei kleinen Seen und wild wucherndem Unkraut ringsumher - hier soll das Denkmal für die ermordeten Juden Europas entstehen. In der Mitte lassen mehrere Betonklötze fürchten, dass die künftigen Ländervertretungen einmal weniger Charme ausstrahlen werden als die sieben Länder, die sie repräsentieren. Aber sie sind da, fünf Geschosse hoch und vielleicht mit einem Länder-Ministerpräsidenten-Mini-Gärtchen versehen, mehr auch nicht. Und daneben, zur Voßstraße hin, steigt der größte Luftballon der Welt mit seinen von diesem Höhenflug begeisterten Gästen 150 Meter über den Potsdamer und Leipziger Platz. Die Ministergärten haben ihre großen Zeiten hinter sich, Neues deutet sich in Konturen an. Aber vor allem die jüngste Geschichte dieses Areals an der Grenze der Bezirke Mitte und Tiergarten ist es wert, dem Vergessen entrissen zu werden.

Diese interessante Aufgabe bewältigt jetzt so gründlich wie spannend und einfallsreich eine Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst. Der rechte Ort: das einzige noch erhaltene Haus aus der alten Voßstraße mit der Nummer 33. Genau gegenüber stand früher die Neue Reichskanzlei, bis 1995 war das rote Gebäude Sitz der Reichsbahn, danach geschlossen, unbenutzt und heute so marode wie authentisch.

Die Schau beginnt mit kartografischen Plänen der alten, seit 1750 und bis 1945 wirklich vorhandenen Gärten, die Bettina von Arnim 1811 "ein Paradies!" genannt hatte, aber dann bricht sogleich die jüngste Geschichte des Areals, auf dem einst das politische Herz Deutschlands schlug, über uns herein: Die Filmemacherin und Fotografin Riki Kalbe vom Gestalter-Team präsentiert die mit kriminalistischem Spürsinn entdeckten Filmdokumente. Sie reichen von "Hitler kaputt", Bersarins Inspektion der Reichskanzlei über Todesstreifen, Sprengung des Führerbunkers am 24. Juni 1988 für die DDR-Neubauten entlang der damaligen Otto-Grotewohl-Straße bis zum Mauerfall und der folgenden Euphorie, das Ödland inmitten der City spielerisch zu nutzen. "Riesig groß waren hier die Ansätze, sich mit der Geschichte zu beschäftigen", sagt Riki Kalbe, "und manchmal auch sehr skurril". In den oberen Räumen sind die Nutzungen mit Worten und Bildern dokumentiert: Erinnern wir uns noch? Da gab es, lange vor der Wende, die Idee eines Thälmann-Denkmals für den (inzwischen verschwundenen) Wilhelmplatz; der Entwurf von Ruthild Hahne wurde nie realisiert, weil (Kurt Hager, 1965:) "man zu neuen Erkenntnissen in der Geschichte gekommen ist". Ab 1988 wurden die Flächen, auf denen Reichskanzlei und Ministerien entlang der Wilhelmstraße gestanden hatten, mit Wohnungen bebaut, aber mit Auflagen: Einer von 21 Punkten der Sicherheitsanforderungen des VP-Präsidiums lautete: "Die Treppenaufgänge sind nicht in Richtung Staatsgrenze zu legen (anderenfalls sind die Flurfenster mit nicht durchsichtigem Glas zu versehen)". Die spannendsten Geschichten passierten indes nach dem Mauerfall: Manfred Butzmann, Ben Wargin & Naturfreunde wollten im März 90 einen lebendigen Erinnerungspark voll gelber Lupinen ("wenn die Saat aufgeht, wird die Blüte ein erlebbares Hoffnungszeichen zur Überwindung brutaler Konfrontationen setzen"). Im Juni 90 dirigiert Lorin Mazeel vor 80 000 die Mahlersche Auferstehungssinfonie, einen Monat später strömen 180 000 zum Rockspektakel "The Wall", im August wird der enteignete Todesstreifen zum "Hain der Leidenschaften", dann kommen Bungee-Jumping, Mittelalter-Spektakel, Cirque du Soleil, schließlich möchte man Klatschmohn säen. Die Ministergärten - ein Ort der Begierden.

Viele drangen nie an die Öffentlichkeit, aber hier, in handlichen Heftern, werden sie greifbar: "Wir planen auf einer präparierten abgesteckten Strecke ein Pferderennen zu veranstalten, ca. 800 Gäste, vor allem auch aus der Berliner Prominenz, sollen dazu eingeladen werden", schreibt ein Verein, und ein Mann aus Uelzen möchte für eine "symbolische Abrechnung mit Honecker" ein kleines Loch schaufeln, "in welches ich für die Pressemedien den roten Honecker-Sarg versenken möchte, für zwei bis drei Stunden, dann buddeln wir ihn heimlich aus und fahren mit ihm wieder nach Haus".

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