Berlin : Mir geht’s Barcelona

Die Berliner arbeiten und amüsieren sich in den kühlen Morgen- und Abendstunden. Sie machen Siesta – und essen Eisbein

Till Schröder

WIE BERLIN AUF DIE HITZEWELLE REAGIERT

Bullenhitze. Die Sonne brennt aufs Autodach. Der Fahrtwind, der durch die offenen Fenster weht, ist so warm wie ein Föhn. Jede rote Ampel wird zur Qual. Wie? Auto fahren bei dieser Hitze macht einen nicht aggressiv? Ein Taxifahrer meint, durch die Ferien seien die Straßen deutlich leerer. Es gehe ruhig zu. Aber sein Kollege hält dagegen. Er zitiert einen Unfallgutachter, den er gestern getroffen hat: „Die Sonne lässt mich nicht im Stich“, habe der gesagt. „Die Leute fahren unkonzentrierter. Es passiert viel mehr.“ Ein Dritter macht um drei Uhr nachmittags Feierabend. „Bei der Hitze wird man unkonzentriert. Es ist zu gefährlich“, meint er. Nachmittags führen deutlich weniger Kollegen.

Die Polizei kann die Beobachtungen der Taxifahrer nicht bestätigen. Statistisch betrachtet, geschehen während eines heißen Augusts nicht mehr Unfälle als in anderen Sommermonaten. Auch sonst macht die Polizei keine Ausnahme wegen der Hitze: „Ich habe hier noch keinen dienstlich angeschafften Ventilator gesehen“, sagt Verena Enko von der Pressestelle. Und wie gehen die Beamten mit der Hitze um? „Wir tragen unsere kurzärmeligen Hemden und trinken viel Wasser.“ Andernorts dagegen greift die Hitze deutlich ins Arbeitsleben ein.

In den Betrieben wird die Kleiderordnung nicht ganz so streng gehandhabt. „Da sitzt der Schlips dann lockerer“, sagt Stefan Siebner von der Industrie- und Handelskammer. Und ob ein Freiberufler, der allein am heimischen Schreibtisch arbeitet, nur in Unterhosen bekleidet seine wichtigen Telefonate führt, kann keiner nachprüfen. Wer sich keinen festen Bürozeiten fügen muss, passt seine Arbeitszeiten mediterranen Gepflogenheiten an. Motto: Mir geht’s Barcelona.

Architekt Jürgen Klinger steht neuerdings schon um halb sechs auf und sitzt eine halbe Stunde später am Schreibtisch. „Das ist wunderbar“, sagt Klinger. „Um diese Zeit ist das Telefon still. Ich kann ungestört arbeiten.“ Er ist nicht der Einzige. Immer mehr verlegen ihre Arbeitszeiten in die kühlen Morgen- und Abendstunden. Auch der Marketingberater Holger Fahrenkamp hat den neuen Stil entdeckt: „Von sechs bis zwölf, dann bis halb vier Mittagspause. Abends arbeite ich dafür bis acht Uhr oder länger“, sagt Fahrenkamp.

Manche Kollegen würden ihre bisherigen Arbeitszeiten zwar beibehalten, „vor allem, wenn ihr Büro im Parterre eines Altbaus liegt“, sagt Fahrenkamp. „Aber je höher das Atelier im Haus liegt, desto heißer brennt die Sonne drauf – und desto eher verlegen deren Mieter ihre Arbeit in die Nacht. Ganz unerträglich ist es für die Kollegen mit Atelier direkt unterm Dach, so wie es in den letzten Jahren in Mode kam.“ Wer trotz Hitze nicht zum Frühaufsteher werden will, arbeitet nur abends - manche bis zwei Uhr früh. Um diese Zeit geht es auch noch in Fitnessstudios hoch her. „Nachts um zwei trainieren sonst etwa fünf Gäste. Jetzt sind es zehn bis fünfzehn“, sagt Hans Acksteiner, Geschäftsführer des durchgehend geöffneten Sportstudios „Axxel“. Der Hochbetrieb hat sich dagegen auf die Zeit zwischen acht und zehn verschoben. Vollkommen unabhängig vom Wetter nutzen die Leute allerdings Sauna und Solarium.

Späte Gäste hat auch Nicole Bartoszek vom Bräunungsstudio „Electric Beach“. Und obwohl wir uns über viel Sonne gratis nicht beklagen können, sind die Bräunungsstudios gut besucht: „Die, die im Büro sitzen, möchten auch jetzt keine weißen Ärmchen haben“, sagt Bartoszek.

In vielen Kinos verlegt sich der Andrang auf die Spätvorstellung. So kann es passieren, dass man den Blockbuster „Terminator 3“ um 20 Uhr mit einer Hand voll Zuschauer erlebt, während um 22.30 Uhr die Karten knapp werden. Badelatschen und kurze Hosen gelten übrigens in diesen Tagen als kinogesellschaftsfähig.

Für die meisten Lebensmittelmärkte ist das heiße Wetter Routinesache. Getränke, Obst, Gemüse und Molkereiprodukte sind sehr gefragt. Und was läuft zur Zeit gar nicht? „Taschentücher“, scherzt eine Edeka-Marktleiterin. Auch Eintöpfe bleiben im Regal.

Allerdings wundert man sich über die Erfahrungen mancher Wirte: Sie verkaufen in Berlin im Sommer besonders viel Eisbein: „Ich habe kürzlich 40 Eisbeine gekauft. Die waren in zwei Tagen weg“, sagt Klaus-Dieter Richter vom Hotel- und Gaststättenverband Berlin-Brandenburg und Wirt eines Altberliner Lokals. Als junger Kellner erlebte Richter viele Sommer, in denen er 20 Mal mehr Eisbeine als im Winter verkauft hat - in über 20 Jahren Gastronomie fand er nicht heraus, warum das so ist. Könnte es das „Eis“ im Namen des urberliner Gerichts sein?

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