Berlin : „Mir war sofort klar, dass Brad unschuldig ist“

Der Eishockeystar Brad Bergen sitzt in Schweden wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung in Untersuchungshaft – jetzt spricht zum ersten Mal seine Frau

Claus Vetter

Anja Bergen ist eine starke Frau. Jedenfalls vermittelt sie den Eindruck. Sie sitzt in einem Fastfood-Lokal. „Ich komme momentan selten vor die Tür“, sagt sie. Da wird selbst ein Ausflug zu McDonalds etwas Besonderes, ein Stück Normalität in einem Alltag, der so gar nichts Normales hat. Und: Die Gäste im Lokal wissen nicht, wer Anja Bergen ist. Dabei gibt es zurzeit viele, die über ihren Mann sprechen, vielleicht auch über ihr Schicksal. „Ich bin mittlerweile auch eine Person öffentlichen Interesses geworden, so bezeichnet man das wohl“, sagt Anja Bergen. Sie hat keinen Hunger, sie möchte nur eine Cola. Natürlich sieht sie ein wenig mitgenommen aus. Natürlich hat sie in den vergangenen Tagen auch geweint. Aber nicht jetzt. Die junge, blonde Frau lächelt. „Nach außen hin bemühe ich mich um Contenance. Innen drin sieht es bei mir ganz anders aus.“

Sie redet nicht zu laut und nicht zu leise, aber bestimmt, überlegt sich ihre Worte genau. Mit ihrer Situation umzugehen, das fällt ihr nicht leicht. „Das kann ja auch kein Mensch erwarten“, sagt sie. Anja Bergens Ehemann wird die Vergewaltigung einer 20-jährigen Frau vorgeworfen.

Seit zwei Wochen sitzt Brad Bergen im schwedischen Kristianstad in Untersuchungshaft. Der Eishockeyprofi von den Eisbären Berlin hatte mit seinem Klub ein Trainingslager in der schwedischen Kleinstadt Tyringe absolviert. Dort sollen – so lautet der Vorwurf – die Spieler Bergen und Yvon Corriveau im Mannschaftshotel die Tat begangen haben. Die Profis bestreiten dies. Doch der Vorwurf ist da. „Natürlich war ich geschockt, als ich die Nachricht bekam“, sagt Anja Bergen. „Aber ich bin nicht vom Hocker gefallen, weil ich irgendetwas geglaubt habe. Mir war sofort klar, dass Brad unschuldig ist. Die Geschichte, wie sich alles ereignet haben soll, ist absurd.“ Und schließlich kenne sie Brad am besten. Sie sagt dies nicht plakativ, auch nicht anklagend. Über die Frau, die die Vorwürfe gegen ihren Mann macht, will sie nicht sprechen. „Ich weiß, dass mein Mann einen Beruf hat, mit dem er in der Öffentlichkeit steht. Da ist es natürlich so, dass er viele Fans hat, auch weibliche. Aber er hat mir noch nie einen Grund gegeben, an ihm zu zweifeln. Brad ist ein eher zurückhaltender Typ. Er kommt eben aus dem Westen Kanadas, da sind die Leute oft so.“

Anja Bergen kommt aus Süddeutschland, sie zieht seit Jahren dahin, wo ihr Mann einen Vertrag hat. Seit vergangenem Jahr ist der 37-jährige Profi bei den Eisbären. Bergen ist deutscher Staatsbürger, hat für die Nationalmannschaft gespielt. Inzwischen ist er von seinem Klub vorläufig suspendiert worden. „Natürlich war ich darüber verärgert“, sagt Anja Bergen. „Aber er kann ja an den Spielen momentan nicht teilnehmen. Das mit der Suspendierung wäre wohl leider auch in jedem anderen Beruf so gelaufen.“ Am Freitag hatten die Eisbären ihr erstes Punktspiel der Saison, ohne Brad Bergen.

Anja Bergen hat ihren Mann besuchen dürfen. Entschlossen war sie, als sie nach Schweden fuhr: „Ich wollte zu meinem Mann, dieser Gedanke hat alles andere verdrängt. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Die Leute auf der Polizeiwache waren sehr freundlich zu mir, niemand hat mich vorwurfsvoll angeguckt. Das fand ich sehr positiv.“

Zweimal konnte sie mit ihrem Ehemann reden. „Einmal 50, das andere Mal 30 Minuten.“ Über den Vorwurf gegen Brad haben sie nicht geredet. „Das ist auch nicht erlaubt.“ Das Gespräch wurde von der Polizei mitgehört. „Wir haben über die Familie gesprochen, wie es so allen geht, was alle so machen.“ Sie schluckt. „Das ist Privatsache. Aber ich habe gesehen, dass es Brad den Umständen entsprechend gut geht. Das war wichtig, nachdem ich doch tagelang so gut wie nichts über ihn erfahren hatte.“

Kraft gibt ihr der Zuspruch von Verwandten und Freunden. „Es melden sich so viele Menschen bei mir, und alle meinen es gut. Ich habe noch nicht eine negative Reaktion bekommen. Die Nachbarn kommen zu mir und sagen: Das glauben wir alles nicht, wir stehen zu dir.“ Natürlich sind auch ihre Schwiegereltern besorgt. „Vor Mitternacht lege ich den Telefonhörer selten beiseite“, erzählt sie. Sie schmunzelt, senkt den Kopf. Anja Bergen ist mit den Gedanken woanders. An ihrem Tagesablauf hat sich, seit ihr Ehemann inhaftiert ist, viel geändert, über manches möchte die Mutter zweier kleiner Kinder aber nicht sprechen. Anja Bergen wird ernst. „Ich muss meine Kinder schützen. Und wenn Bilder meiner Kinder in einer Zeitung erscheinen, werde ich das nicht dulden.“ Sie überlegt. „Wissen Sie, das größte Problem ist die Zeit. Ich zähle die Tage.“ Um sie herum herrscht Trubel, wie das in einem Fastfood-Lokal so ist. Die Leute kommen im Eiltempo, schlingen in sich rein, verschwinden. Anja Bergen bleibt sitzen, es sind fast zwei Stunden vorbei. Sie stellt ihren Pappbecher beiseite. „Wenn ich nur den Zeitpunkt wüsste, wann Brad wieder nach Hause kommt, dann ginge es mir schon besser.“

Die Untersuchungshaft von Bergen und Corriveau läuft bis zum 9. September, sie kann noch um bis zu zwei Wochen verlängert werden. Die Staatsanwältin ist von der Schuld der Profis überzeugt, deren Anwälte sind es nicht und sagen, dass die Beweislage nicht zu einer Anklage reicht. Erst nach Ablauf der Untersuchungshaft wird feststehen, ob es zu einer Anklage kommt oder ob Anja Bergens Mann nach Hause darf. „Ich habe Vertrauen in die Justiz“, sagt sie. „Brads Unschuld wird sich herausstellen.“ Wenn es so kommt, hat sie dann nicht Angst, das etwas haften bleibt? „Sicher wird das so sein, aber wir werden nur zwei Möglichkeiten haben: jammern und daran zugrunde gehen oder kämpfen und daran wachsen. Wir haben uns bis jetzt immer für Letzteres entschieden. Mir ist es nur wichtig, wie mein Umfeld, meine Familie und meine Freunde reagieren. Sie werden wissen, dass Brad nichts getan hat, und das reicht mir.“ Anja Bergen lächelt, wirkt entschlossen und sagt zum Abschied: „Ein bisschen viel Cola, da kann ich heute Nacht wohl nicht gut schlafen.“

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