Berlin : Miss Germany: Das Fräulein-Wunder

Stephan Wiehler

Vor ihrem großen Auftritt im Wettkampf um weibliche Reize geben sich die Konkurrentinnen kameradschaftlich: In der Garderobe rücken die Mädchen zum Gruppenfoto vor dem Schminkspiegel zusammen. Doch der Schein demonstrativer Eintracht täuscht. Die Anspannung ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Jede nimmt ihr eigenes Spiegelbild prüfend ins Visier.

Der Sportpalast im "Girl-Fieber": Zur alljährlichen Maskenredoute in Berlins Vergnügungsarena versprechen die Veranstalter ihrem Publikum diesmal eine besonders schöne Bescherung. Am 5. März 1927 steht die erste Wahl der "Miss Germany" auf dem Programm. Eine hochkarätige Jury, darunter Boxer Max Schmeling und Opernsänger Richard Tauber, ist angetreten, um das schönste Fräulein im Reich zu wählen.

Schon Wochen zuvor wurde die Reklametrommel für die "Nacht der Frauen" gerührt, hunderte Mädchen stellten sich der Vorauswahl. Zu den glücklichen, etwa zwei Dutzend jungen Frauen, die am Abend des 5. März zur entscheidenden Runde in die Arena des Sportpalastes treten, gehört auch Hildegard Kwandt. Freunde hatten die 21-Jährige überredet, an der ersten Misswahl Deutschlands teilzunehmen. Die Masche mit den Missen kommt, wie so viele Moden, aus den USA, wo jährliche Wahlen zur "Miss America" und "Miss Universum" bereits fest etabliert sind. Für den Girl-Rummel im rumorenden Berlin der zwanziger Jahre genau die richtige Attraktion. Im Großstadt-Getriebe der Angestelltenkultur entdecken sich junge Frauen neu. An den Schreibmaschinen der Büros, als Sekretärinnen, als Verkäuferinnen, in den Warenhäusern und Lokalen, Kinos und Theatern drängen Frauen ins Berufsleben und streifen selbstbewusst das enge Korsett unzeitgemäßer Rollenmuster ab. Die weibliche Metropolenjugend entwickelt ihr eigenes Lebensgefühl. Mit dem Körperkult der Weimarer Republik befreien sich besonders die Frauen von den Tabus verdrängter Sexualität und entdecken den Reiz ihres Körpers auch als Kapital.

Für die Siegerin im Titelkampf zahlt sich das in barer Münze aus. Die Jury im Sportpalast wählt Hildegard Kwandt zur "Miss Germany 1927" und adelt sie mit Schärpe, Krone und Hermelinmantel zur Schönheitskönigin. "Zierlich vom Wuchs, prächtig gewachsene Beine, ein hübsches, sympathisches Gesichtchen, umrahmt von dunkelblondem Haar, in der Mitte gescheitelt, im Nackenknoten festgehalten. Liebreiz und Anmut sind es, die hier den Sieg im Kampfe um den Schönheitswettbewerb davongetragen haben", schreibt ein begeisterter Reporter über das erste deutsche Fräulein-Wunder.

Doch auch Kritiker melden sich zu Wort: Der reichsweite Titel sei zu hoch bewertet, da die meisten Mitkandidatinnen aus den Arbeiterbezirken rund um den Sportpalast kämen. Dies habe sich nach der Wahl gezeigt, als Teilnehmerinnen ihrem Unmut über den Ausgang des Wettbewerbs in derber Mundart Luft machten. Der "Berliner Lokal-Anzeiger" forderte deshalb auch die charakterliche Bewertung der Kandidatinnen: Selbst wenn ihr Äußeres triumphiert hätte, besäßen sie nicht die innere Berechtigung, ihr Vaterland als Idealfigur zu vertreten.

Hildegard Kwandt bescherte der Titel der "Miss Germany" dennoch eine bescheidene Karriere als Model. Die Tochter eines Volksschullehrers, die Ende des Ersten Weltkrieges mit fünf Geschwistern vor der anrückenden russischen Armee aus der ostpreußischen Heimat floh und seit dem Tod der Eltern bei Verwandten in Berlin lebt, posiert für Reklame-Postkarten und schmückt die Titelblätter von Zeitschriften. Doch es bleibt eine kurze Karriere: Anfang der dreißiger Jahre heiratet sie einen Berliner Konditoreibesitzer. "Miss Germany" wird Hausfrau und Mutter.

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