Missbrauch : Gespräche nach dem Gottesdienst

Wie Berlins Katholiken die Affäre beschäftigt

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„Niemand hat sich vorstellen können, dass so etwas auch bei uns, in unserem Erzbistum oder gar im Canisius-Kolleg vorkommt.“ In der Stimme von Ingrid Fuhrmann schwingt Entsetzen mit, wenn sie über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche spricht. Gut drei Wochen nachdem sich der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, mit den ersten Missbrauchsfällen an die Öffentlichkeit wandte, stehen Berlins Katholiken noch immer unter Schock. Und spätestens seit Berlins Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky die Missbrauchsaffäre in seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit ansprach, der am vergangenen Sonntag von allen Kanzeln verlesen wurde, hat das Thema alle Gemeinden im bis zur Insel Rügen reichenden Erzbistum erreicht.

„Das Entsetzen ist groß“, sagt der Geschäftsführer des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Berlin, Hans-Joachim Ditz. Vielerorts sind die Übergriffe von Patern auf Schüler des Canisius-Kollegs in den 70er und 80er Jahren seit Wochen Hauptgesprächsthema. „In unserer Gemeinde hat der Pfarrer das Thema schon vor einer Woche angesprochen und sich angeboten, nach dem Gottesdienst für Gespräche darüber zur Verfügung zu stehen“, sagt Ingrid Fuhrmann, die auch Sprecherin der „Kritischen Katholiken Berlin“ ist. Auch auf den Bußgottesdienst der Jesuiten am Aschermittwoch sei in der Messe damals ausdrücklich hingewiesen worden.

Ingrid Fuhrmann hofft, dass auf der Tagung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in Freiburg eine aktive Aufarbeitung der Missbrauchsfälle beschlossen wird. Ihre eigene Organisation ist da schon weiter: Als Teil der katholischen Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ gehören auch die „Kritischen Katholiken“ zu den Trägern eines bundesweiten „Not-Telefons für Opfer sexualisierter Gewalt in der Kirche“. „Die meisten Menschen, die dort angerufen haben, waren bisher Frauen aus Süddeutschland, die Beziehungen zu Geistlichen hatten“, sagt Ingrid Fuhrmann. Anrufe von Missbrauchsopfern aus Berlin habe es noch nicht gegeben. Mit der eigenen Diözese jedoch ist Ingrid Fuhrmann weitgehend zufrieden, und auch der Geschäftsführer des Diözesanrates bescheinigt Kardinal Sterzinsky und dem Ordinariat, das Thema Missbrauch offensiv anzugehen. Es sei richtig und notwendig, dass nun eine Kommission zu diesem Thema eingerichtet werden soll, sagt Hans-Joachim Ditz.

Ähnlich sieht das auch der Seelsorger der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Ludwig am Ludwigkirchplatz, der Franziskanerpater Hans-Georg Löffler. Auch er hat in seiner Gemeinde eine große Verunsicherung beobachtet, sagt Löffler, der die Missbrauchsfälle „erschütternd und enttäuschend“ nennt. „Natürlich suchen wir Priester jetzt das Gespräch mit der Gemeinde.“ Das Thema Missbrauch komme in Sankt Ludwig in den Gottesdiensten und Gebeten ebenso vor wie in den Nachgesprächen nach den Messen. „Aber es bleibt natürlich ein Vertrauensverlust, der uns alle schmerzt.“ Benjamin Lassiwe

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