Missbrauchsdebatte : Ostern in St. Canisius: „Das Geschehene nicht totreden“

Wie die Charlottenburger Jesuiten-Gemeinde St. Canisius zu Ostern mit dem Thema Missbrauch umging. Missbrauchsfälle am Tiergartener Canisius-Kolleg hatten die derzeitige große Debatte ausgelöst.

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Berlin - Bei der Ostermesse der Jesuiten- Gemeinde in der St.-Canisius-Kirche in Charlottenburg haben die Missbrauchsfälle keine Rolle gespielt. Pater Joachim Gimbler blieb in seiner Predigt vage, erinnerte nur allgemein an „die Opfer von Gewalt“. In der Gemeinde stieß das auf geteiltes Echo. „Ich bin nicht zufrieden, wie die ganze Debatte von den höchsten Kreisen gehandhabt wird“, sagt ein Mann nach dem Gottesdienst. Er ist einer von vielen, die mit der ganzen Familie in die Kirche gekommen sind. „Ich hätte mir eine Stellungnahme schon gewünscht“, sagt er. Mit Berichten über Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg war Ende Januar die deutschlandweite Debatte über dieses Thema angestoßen worden.

Manche Besucher der Messe winken, zu den Missbrauchsfällen befragt, nur ab. Das Osterfest wolle man sich davon nicht verderben lassen. „Die Aufarbeitung ist wichtig, aber in die Ostermesse gehört sie nicht“, meint eine ältere Dame. Eine Gruppe ehemaliger Schüler des Canisiuskollegs mittleren Alters wird noch deutlicher. „Es muss mal ein Statement geben, dass es sich nur um Einzelfälle handelt – so bedauerlich sie auch sind.“ In der Gemeinde sei die Problematik oft diskutiert worden. „Wir müssen aufpassen, dass wir das Geschehene nicht totreden. Das würde den Opfern nicht gerecht“, sind sich die Ehemaligen einig.

Pater Gimbler, der nach der Messe für einen kleinen Plausch zu der Gruppe stößt, stimmt dem zu. Er habe die Missbrauchsfälle nicht bewusst in seiner Predigt weggelassen. Er achte aber generell darauf, das Problem nicht immer und überall zu thematisieren. „Die Vorfälle sind so essenziell, dass man eine tiefe Trauer gar nicht jeden Tag empfinden kann.“ Nun komme es darauf an nachzusehen, was man künftig präventiv tun könne, um Missbräuche zu verhindern. In zwei Wochen sei deshalb ein Experte eingeladen, der junge Familien für die Warnsignale ihrer Kinder sensibilisieren soll. Die Missbrauchsfälle solle man außerdem da lassen, wo sie passieren. „Diese Gemeinde hatte damit ja eigentlich nichts zu tun“, sagt Gimbler.

Mit Spannung war auch die Osterpredigt des Augsburger Bischofs Walter Mixa erwartet worden. Er sprach von Umkehr, Erneuerung und Buße – zu den Misshandlungsvorwürfen, die ehemalige Heimkinder gegen ihn erhoben haben, äußerte er sich nicht. Die Gemeinde nahm die Predigt unterschiedlich auf. „Ich bin in die Kirche gegangen, um Ostern zu feiern und nicht um Missbrauchsfälle zu diskutieren“, sagte der Augsburger Reinhold Walter. Ein einsamer Demonstrant verlangte hingegen den Rücktritt des Bischofs. Kirchgängerin Elisabeth Schmidt sagte, sie hätte sich „gewünscht, dass er wenigstens in einem Satz persönlich Stellung bezieht, aber immerhin hat er allgemein etwas zu den Missbrauchsfällen in der Kirche gesagt“.Sidney Gennies (mit dpa)

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