Missbrauchsfälle : Zwischen Rufmord und Vertuschung

Immer mehr Missbrauchsfälle werden bekannt – umstritten ist, ob die Öffentlichkeit über jeden Vorwurf informiert werden muss.

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Nicht ausgestanden. Immer wieder in den vergangenen Wochen wurden die Kirchen mit neuen Missbrauchsfällen konfrontiert. Foto: Lennart Preiss/ddp
Nicht ausgestanden. Immer wieder in den vergangenen Wochen wurden die Kirchen mit neuen Missbrauchsfällen konfrontiert. Foto:...Foto: ddp

Berlin - Ein halbes Jahr ist es her, dass die Missbrauchsvorwürfe im Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden sind und jahrzehntelang geschützte Mauern des Schweigens eingerissen wurden. Seitdem wurde fast jede Woche irgendwo in Deutschland ein Fall bekannt, in dem beschuldigte Pfarrer, Erzieher oder Lehrer lediglich versetzt statt suspendiert wurden, meist ohne die Öffentlichkeit über die geschehenen Verbrechen zu informieren. Dass so viele Fälle von Vertuschung ans Licht gekommen sind, hat viele Eltern nachhaltig verunsichert. Sie fragen sich, was da noch alles im Verborgenen schlummert, ohne dass sie davon erfahren.

Wie groß die Sorge ist, zeigt ein Brief von Eltern, die ihre Kinder in einer Kindertagesstätte in Berlin-Prenzlauer Berg untergebracht haben. Sie äußern darin ihre Empörung, weil die Kita-Leiterin und die Kirche, in deren Trägerschaft sich die Kita befindet, sie nicht darüber informiert haben, dass gegen eine Erzieherin wegen des Verdachts auf einen sexuellen Übergriff ermittelt worden war.

Im Januar war die Erzieherin von einer Mutter bei der Polizei angezeigt worden. Die Staatsanwaltschaft sprach die Erzieherin nach zweimaliger Prüfung der Vorwürfe von jedem Verdacht frei. Erst danach informierte die Kita-Leiterin die Eltern über den Verdacht, die Ermittlungen und den Freispruch. Sie erklärte auch, dass die Erzieherin im Gespräch mit der Kita-Leitung und der staatlichen Kita-Aufsicht die Vorwürfe glaubhaft habe zurückweisen können – weshalb man in Abstimmung mit der Kirche und der Bildungsverwaltung entschieden habe, die Mitarbeiterin während der Ermittlungen weiter arbeiten zu lassen.

Eltern beklagen nun aber im Nachhinein, sie hätten „aufgrund des Unwissens nicht einmal theoretisch die Möglichkeit gehabt, ein Kind bei Aufkommen der Ermittlungen aus der Einrichtung zu nehmen“. Die Kindertagesstätte dagegen argumentiert, das Kindeswohl sei nicht gefährdet gewesen, die Erzieherinnen seien sowieso nie alleine mit den Kindern. Außerdem habe man auch eine Verantwortung für die Kollegin, der gegenüber man erst einmal die Unschuldsvermutung habe gelten lassen, da sich der Anfangsverdacht nicht erhärtet habe.

Beide Argumentationen sind nachvollziehbar. Die Erzieherin ist inzwischen beurlaubt. In ihrem polizeilichen Führungszeugnis wird ein Hinweis auf die Ermittlungen auftauchen, sie wird es schwer haben, eine neue Arbeit zu finden. Könnte die Erzieherin heute in der Kita weiterarbeiten, wenn die Kita-Leitung die Eltern früher informiert hätte? Wäre das Unbehagen einiger Väter und Mütter dann nicht so groß geworden? Wann beginnt der Rufmord? Wann die Vertuschung?

In Kiel ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen 48-jährigen Gemeindepfarrer aus Rendsburg-Eckernförde. Hier wurde die Öffentlichkeit sofort informiert und der Pfarrer suspendiert. Untersucht wird ein möglicher sexueller Missbrauch im privaten Umfeld des Pfarrers. Weitere Vorwürfe gibt es nicht. War die Suspendierung vorschnell, geht es um eine private Fehde? „Wir haben die Öffentlichkeit gleich informiert, nachdem der Verdacht bekannt wurde, damit uns nicht hinterher Vertuschung vorgeworfen wird – obwohl es nur einen einzigen Anhaltspunkt für einen Verdacht gab“, sagt Thomas Kärst, Sprecher der nordelbischen Kirche.

Etwa hundert Kilometer entfernt, im Hamburger Stadtteil Rahlstedt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen Pfarrer wegen des Verdachts des Besitzes und Verbreitung von Kinderpornografie. 2009 war die Polizei bei einer Verhaftung zufällig auf ihn gestoßen, weil sein Name auf dem Computer eines Mannes aufgetaucht ist, der mit Kinderpornos handelte. Der Pfarrer hatte ihm Fotos vom Kinderchor geschickt. Der Pfarrer unterrichtete seine Vorgesetzten über die Ermittlungen und begann eine Therapie. Die Kirche versetzte ihn in die Verwaltung, wo er im Archiv Akten sortierte.

Der Öffentlichkeit gegenüber wurde die Versetzung und die spätere Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand mit „gesundheitlichen Problemen“ begründet, was den tatsächlichen Sachverhalt also nur halbwahr wiedergibt. Der Opferverein „Missbrauch in Ahrensburg“, der sich vor kurzem zur Aufklärung eines anderen Falles gegründet hat, wirft der nordelbischen Kirche nun vor, nicht die Wahrheit gesagt zu haben und vertuschen zu wollen. Die Polizei habe die Kirche gebeten, den Fall während der Ermittlungen nicht öffentlich zu machen, erläutert Kärst, um etwa die Befragung der Kinder nicht zu beeinflussen. Anschließend sei die Gemeinde aber unmittelbar über die wahren Gründe für Versetzung und Ruhestand informiert worden.

Oberste Priorität bei der Frage, wann man die Öffentlichkeit aufklären soll, habe der Schutz potenzieller neuer Opfer, sagt Kirchensprecher Kärst. Dies habe man gewährleistet: Seit Bekanntwerden des Vorwurfs durfte der Pfarrer in Rahlstedt nicht mehr alleine in der Gemeinde auftreten, kurz danach wurde er suspendiert. An zweiter Stelle auf der Prioritätenliste stünden die Ermittlungen, erläutert Kärst. Erst an dritter Stelle komme die Aufklärung der Öffentlichkeit. Man müsse genau abwägen zwischen Opferschutz und den Persönlichkeitsrechten des Beschuldigten. Für Kärst steht fest: „Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, informiert zu werden – aber nicht über jeden Vorwurf vom ersten Tag an.“

Die Richtlinien der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wie bei Missbrauchsvorwürfen vorgegangen werden soll, helfen nicht weiter. Dort steht zwar, dass „betroffene kirchliche Mitarbeiter bei einem Verdacht sofort vom Dienst suspendiert werden müssen“. Ein Verdacht sei aber mehr als ein „bloßes Gerücht“, nämlich eine „Tatsache, die den Rückschluss auf ein Fehlverhalten begründet“. Zu der Frage, wann die Öffentlichkeit einbezogen und informiert werden soll, steht in den Richtlinien nichts.

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