Berlin : Missbrauchsfall holt Kirche ein

Potsdamer Gemeinde streitet mit evangelischem Landesbischof über Umgang mit Ex-Pfarrer

Henri Kramer

Potsdam – Der Streit um den Umgang mit den vor anderthalb Jahren erhobenen Missbrauchsvorwürfen gegen den Ex-Pfarrer Uwe D. könnte bald das kirchliche Verwaltungsgericht beschäftigen.

Der Grund: Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) beschloss bereits im Sommer, den Gemeindekirchenrat (GKR) der Potsdamer Heilig-Kreuz-Gemeinde aufzulösen. Sie wirft dem GKR vor, er habe beim Umgang mit den Vorwürfen gegen D. seine „Amtspflichten verletzt“, wie EKBO-Sprecher Volker Jastrzembski bestätigte. Der GKR hat gegen seine Auflösung bei Bischof Markus Dröge Widerspruch eingereicht; deswegen bleibt er vorläufig im Amt. Sollte der Widerspruch zurückgewiesen werden, so werde der Gemeindekirchenrat beim kirchlichen Verwaltungsgericht klagen, kündigte GKR-Chef Martin Stendel an.

Rückblick: Potsdams oberster Kirchenmann, Superintendent Joachim Zehner – er stellte bereits im Frühjahr 2010 gegen Uwe D. eine Strafanzeige, nachdem er mit einem mutmaßlichen Opfer von D. gesprochen hatte –, verlangt schon seit einem Jahr die Auflösung des Kirchenrats, weil der nicht angemessen mit den Vorwürfen umgegangen sei. Auch die Landeskirche hat erklärt, Uwe D. solle von der Gemeinde „distanziert“ werden. Der Heilig-Kreuz-Kirchenrat hat dagegen eine öffentliche Entschuldigung von Zehner gefordert, weil sich kein Vorwurf gegen Uwe D. juristisch bestätigt habe. In der Tat hat die Staatsanwaltschaft bereits im Juni alle Ermittlungen gegen den früheren Potsdamer Jugendpfarrer D. wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen eingestellt.

Es ging um den Vorwurf, D. habe Kinder in der Heilig-Kreuz-Kita in der Kiezstraße misshandelt. Inzwischen hat er in der Kita Hausverbot. Weitere Strafanzeigen, auch zu sexuellen Missbrauchsvorwürfen gegen den weit über 70 Jahre alten Mann, der alle Vorwürfe stets bestritten hat, wurden nicht verfolgt, weil die vermuteten Vorfälle bis zu 30 Jahre zurücklagen und damit laut Staatsanwaltschaft bereits verjährt waren.

Trotz des Endes der Ermittlungen hält die EKBO an der Kritik gegen den GKR fest. Er sei schon früher Hinweisen nicht hinreichend nachgegangen. D. hatte die Gemeinde früher auch als geschäftsführender Pfarrer vertreten. Stendel dagegen sagt, es habe keine konkreten Hinweise gegeben – „nur Gerüchte und Hörensagen.“

Interessant in dem Zusammenhang ist ein aktueller Leitfaden der evangelischen Kirche zum kirchlichen Umgang mit sexuellem Missbrauch. Darin heißt es, Verdachtsmomenten zu sexuellem Missbrauch sei „unverzüglich“ nachzugehen und Strafanzeige zu erstatten. Und weiter: „Verdachtsmomente gehen über bloße Gerüchte oder anonyme Schreiben hinaus; es handelt sich vielmehr um Tatsachen, die den Rückschluss auf ein Fehlverhalten begründen.“ Vor einer Strafanzeige müsse der mögliche Täter Gelegenheit zu einer Stellungnahme bekommen, heißt es in dem Papier weiter.

Für Stendel scheint der Fall klar: Laut Staatsanwaltschaft sei D. „unschuldig“, so Stendel. Zugleich läuft gegen D. allerdings weiter ein Disziplinarverfahren der EKBO – ein eigenständiger Ermittlungsprozess, der keine Verjährung kennt und etwa eine Kürzung der Pensionsbezüge von D. zur Folge haben könnte. Ein Ergebnis gebe es noch nicht, sagt EKBO-Sprecher Jastrzembski. In anderer Hinsicht gibt es allerdings keinen Handlungsspielraum im Fall Uwe D. – wie ein Rechtsgutachten im Auftrag von Superintendent Zehner ergeben hat, lässt sich die Gemeindewohnung, die D. in unmittelbarer Nähe der Gemeinde-Kita bewohnt, wegen der Vorwürfe nicht einfach kündigen. Das hatten Zehner und die EKBO lange Zeit gefordert.

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