Missbrauchsopfer-Anwältin : Spurensuche in der Erinnerung

Manuela Groll ist Anwältin für Missbrauchsopfer und vertritt 15 Ex-Schüler des katholischen Canisius-Kollegs. Von der Kirche erwartet sie ein aktivere Rolle bei der Aufarbeitung – und eine angemessene Entschädigung für die Betroffenen.

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Kampfesmutig und beharrlich. Sie glaube weder an moralisches Recht noch an Gerechtigkeit, sagt die Anwältin Manuela Groll. -Foto: Mike Wolff

Anwältin Manuela Groll ist Frontfrau und Schutzschild ihrer Mandanten. Es sind Missbrauchsopfer aus dem gesamten Bundesgebiet, meist Kinder, aber auch Erwachsene, die sich wieder an das dunkle Kapitel ihrer Kindheit erinnert haben. In ihrem Büro stapeln sich Stofftiere in einem Eckschrank, Hund Annie ist zum Kuscheln da, wenn ihren Klienten das Gespräch über das Erlebte zu schwer wird.

Die 51-Jährige kennt viele leidvolle Geschichten: von generationenübergreifendem Missbrauch in Familien und grausigen Fällen an Schulen, in Jugendeinrichtungen und Kindergärten – und vom oft lebenslangen Trauma der Opfer. 200 bis 300 Fälle betreut die zierliche Frau mit dem wachen Blick jedes Jahr. Dafür fährt sie durch die Republik an die Strafgerichte von Rostock, Frankfurt und Berlin. Auch Grolls eigene Gefühlswelt bleibt davon nicht unberührt, geweint hat sie noch nie. Wenn es sie innerlich drückt, fährt sie auf die Rennbahnen des In- und Auslands, um die Pferde beim Galoppieren zu beobachten. Manuela Groll lacht ein herzliches, warmes Lachen. Sie sagt, dass sie in ihrem Leben niemals Leid erfahren habe. „Ich wollte schon immer Anwältin der Kinder sein. Hier geht es um Verletzungen der Seele. Eine Verteidigung um Sachwerte interessiert mich nicht.“

Groll ist eine Anwältin mit Charisma. Ihr offenes Wesen weckt Vertrauen. Für manche ihrer Mandanten ist sie die einzige Vertrauensperson. Von sich selbst sagt sie: „Ich bin eine Weddinger Göre“. Sie ist eine Frau mit ungrader Berufsbiografie. Mit 16 Jahren habe sie aus Unlust die Schule abgebrochen, später eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin gemacht. Irgendwann langweilt Groll die Arbeit als Bürovorsteherin, und sie macht ihr Abitur an der Abendschule nach und studiert Jura. Seit 1999 führt sie ihre eigene Kanzlei.

Dass sie in diesem Jahr den intensivsten Fall ihrer bisherigen Karriere betreuen wird, hat Groll nicht erwartet. Die Anwältin vertritt die Forderungen von 15 Ex-Schülern des katholischen Canisius-Kollegs. Es ist ein Fall, für den sie ihre Woche von sechs auf sieben Tage erweitert hat und jetzt 16 statt zwölf Stunden täglich arbeitet. „Der Missbrauch in der Kirche ist kein neues Phänomen, aber diese geballte Ladung potenzierten Leids über so viele Jahre des Verdrängens und Vertuschens hinweg, wirkt massiv auf mich ein.“

Die Vertretung ihrer Mandanten hat sich Groll nicht ausgesucht. Durch den Hinweis eines Mandanten auf der Internet-Blogseite spreeblick.de seien die Geschädigten an sie herangetreten. Täglich bekommt Groll Anrufe, Mails und Briefe und das nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Schweiz, Italien und Österreich. Eine Gruppe Betroffener eines anderen Ordens wolle jetzt auch von ihr vertreten werden. Einen Aufnahmestopp gebe es nicht. „Die Gruppendynamik macht die Einzelnen stark. Je mehr sie sich vernetzen, desto stärker werden wir.“

Die 51-Jährige hat eine klare Agenda: Sie will mit ihren Mandanten am runden Tisch sitzen, den Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) jetzt durchgesetzt hat. „Meine Mandanten sind die beste Quelle zur Aufklärung. Zudem müssen dort die richtigen Leute sitzen. Welche, die an der Basis arbeiten, keine Wohlfahrtsverbände oder wohlmeinenden Theoretiker, die die Materie nur aus Betroffenheitssicht verstehen.“

Bisher habe sie vom Jesuitenorden, dem Träger des Canisius-Kollegs, nur einen formellen Brief von deren Anwälten bekommen. In den Verhandlungen herrsche Stillstand. Vom Orden werde ihnen kein Einblick in die Akten gewährt und eine Einladung zu einem Gespräch mit Jesuitenchef Stefan Dartmann oder dem Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, habe es nicht gegeben. „Es kann nicht sein, dass die Betroffenen um eine Einladung bitten müssen. Das muss die Kirche tun.“

Eigentlich habe sie geplant, die Vorgänge der vergangenen 30 Jahre selbst zu rekonstruieren. „Eine Mammut-Aufgabe, die für mich als Anwältin nicht machbar ist. Auch, weil ich noch andere Fälle betreue, die nicht hinten runterfallen dürfen.“ Deshalb hat sie einen Historiker engagiert, der ihr dabei helfen soll. „Ich habe 15 Mandanten, wenn man sich vorstellt, dass die Ordensanwältin Ursula Raue die Missbrauchsfälle des Jesuitenordens der ganzen Bundesrepublik betreuen soll und Anfragen Betroffener anderer Orden und Kirchen bekommt, fühlt man, dass das alles nur eine Hinhalte-Taktik ist.“ Raue ermittle im Namen der Kirche, die nicht gegen sich selbst ermitteln wolle. So könne sie nichts für die Opfer tun. „Für eine Aufklärung braucht es unabhängige Leute mit Kampfesgeist.“

Und Groll will kämpfen. Bis zum Sommer müssten die Verhandlungen jedoch durch sein. „Denn dann kommt die Fußball-WM, und die Anliegen der Betroffenen werden unter den Tisch fallen. Das wollen wir verhindern.“ Die Anwältin ist voll jugendlichem Tatendrang, keine Spur von Verbitterung. Sie sagt, dass es vielleicht daran liege, dass sie nie habe erwachsen werden wollen. Und sie lasse sich nicht abwiegeln: „Ich bin vollständig unerschrocken, konventions-, aber nicht kompromisslos.“

Groll glaubt weder an moralisches Recht noch an Gerechtigkeit. „Vor Gericht zählen nur Beweise zur Tatüberführung. In meinen Fällen habe ich meist schlechte, weil die Täter ihre Opfer zum Vergessen trainiert haben.“ Man müsse verstehen, dass Missbrauch Vertrauensvorschuss der Täter bedeute, die in Abhängigkeitsverhältnissen ihre Macht ausspielten und ihre Opfer mit Schuldgefühlen entließen. „Die optimale Strategie, sie zu schlechten Zeugen zu machen.“ Hinzu kämen zermürbende, zum Teil jahrelange Prozesse.

Um ihr Wissen zu schulen, arbeitet Groll mit Psychologen und der Berliner Organisation „Kind im Zentrum“ zusammen. Wie Groll zur Kirche steht? „Die Kirche ist mir egal. Jetzt ärgere ich mich über sie, weil ich sehe, was sie für eine Macht im Staat hat.“ Doch Groll ist sich sicher, dass der öffentliche Druck die Betroffenen dabei unterstützt, ihre Forderungen durchzusetzen. Eine Entschädigung sei ihnen von Ordensseite signalisiert worden. Nur wie sie aussehen werde, darüber würde geschwiegen. „Aber mit Almosen lassen wir uns nicht abwimmeln und das weiß auch die Kirche.“ Dazu sei zu viel geschehen und vertuscht worden, wie auch Ackermann nun zugegeben habe. „Jetzt fehlen nur noch die anderen Kirchen- und Ordensoberen.“

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