Berlin : Missbrauchte Seelen

Subway will eine Zufluchtswohnung einrichten, damit Jungen nicht als Stricher anschaffen müssen

Annette Kögel

Es sind diese Kleinigkeiten, die die Jungs plötzlich innehalten lassen. Wenn der Freier sein Portemonnaie aufklappt zum Bezahlen – und die jungen Prostituierten dort ein Foto vom Sohn des Kunden im Sichtfenster erkennen. Der ist ja genauso jung wie ich, geht den Strichern dann durch den Kopf – und mit mir macht sein Vater Sex! „Das sind Momente, in denen die Jugendlichen fühlen, dass da was nicht stimmt“, sagt Lutz Volkwein, der Leiter des Sozialprojektes „Subway Berlin für Jungs, die unterwegs sind und anschaffen“. Das kann dann Anstoß sein, bei der Anlaufstelle des Vereins an der Nollendorfstraße 31 in Schöneberg zu klingeln.

Über 600 junge Männer, die sich prostituieren, haben sich allein im Jahr 2002 an Subway gewandt. Rund 400 von ihnen waren Migranten aus osteuropäischen Ländern. Sie kamen mit einem Touristenvisum nach Berlin – und erlagen der Versuchung, schnell viel Geld zu verdienen, mit dem sie in der Heimat die Familie unterstützen oder sich eine Existenz aufbauen. Oder sie wurden sogar von den eigenen Eltern dazu angehalten, den Körper anzubieten. So wie Marius. Pädophile kaufen den Jungen im Alter von acht Jahren mit einer Flasche Schnaps vom Vater ab, nehmen ihn mit. Als Marius für die Szene zu alt ist, werfen ihn die Pädokriminellen raus. Er überlebt durchs Anschaffen. Oder Wladimir, 16, der lange in Bordellen in Österreich, später in Brandenburg arbeiten muss. „Die Jungen haben alle eines gemein: Sie haben keine guten Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht“, sagt Projektleiter Volkwein, der in der deutschen Pädophilen-Metropole Berlin selbst noch als Streetworker bei Subway arbeitet.

Seine drei Kollegen und eine Sozialarbeiterin gehen zu einschlägigen Kneipen, zu Sexkinos mit Videokabinen, sprechen Kinder und Jugendliche an. Die meisten lassen sich auf ein unverbindliches Gespräch ein – dass es Subway seit fast zehn Jahren gibt, hat sich in der Szene herumgesprochen. Viele Jungen, die Freiern aller sozialen Schichten Sex gegen Geld bieten, haben einen „riesigen Schutzwall aufgebaut, den man schwer überwindet“, sagt Volkwein. Aber manchmal werden Steine aus der Wand gelöst. Wer sich darauf einlässt, kann bei Subway duschen, die Kleidung waschen, neue bekommen. Im Freizeitraum kickern, kochen oder zu Mittag essen für einen Euro. Und sich im Zimmer mit Doppelstockbetten ausschlafen. Die Sozialarbeiter informieren auch über Sexualkrankheiten. Einmal die Woche lädt eine Ärztin zur Sprechstunde. Manchmal können die Jungs andere soziale Bindungen erfahren, während Kurzreisen etwa in ein Haus in der Lüneburger Heide, das die Schauspielerin Witta Pohl bereitstellt.

Subway will noch mehr helfen. „Wie würden gern eine Wohnung anmieten, um die Jungen kurzfristig unterzubringen, wenn sie in Not sind oder nicht länger von einem Freier ausgehalten werden wollen“, sagt Lutz Volkwein. Und hofft mit den Jungen auf Unterstützung durch die Tagesspiegel-Leser.

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