Berlin : Misshandelter Junge: Familie wird seit Jahren betreut

Sozialarbeiter kamen regelmäßig in die Wohnung – nach Anmeldung Stadträtin: Es hat sich nie bestätigt, dass der Neunjährige geschlagen wurde

Tanja Buntrock

Geschlagen, unterernährt und eingesperrt – dies waren die Hinweise, welche die Polizei auf den Zustand des neunjährigen Matthias im Pankower Ortsteil Buch hatte. Der Junge wurde nach einem unangemeldeten Besuch von Polizisten noch am Freitag aus der Familie genommen, weil sich der Verdacht auf Kindesmisshandlung und -vernachlässigung bestätigt hatte, wie es bei der Polizei hieß.

Dabei unterstützen Familienhelfer des zuständigen Jugendamtes Pankow die Großfamilie bereits seit 15 Jahren. Warum aber fiel den Betreuern, die der Familie mit acht Kindern nach Angaben der Jugendstadträtin Christine Keil (PDS) regelmäßig Hausbesuche abstatteten, der Zustand des Jungen nicht auf? „Wir haben keine Anzeichen von Misshandlung oder Vernachlässigung feststellen können, die es gerechtfertigt hätten, den Jungen in Obhut zu nehmen“, sagte Keil gestern.

Wie berichtet, hatte die Polizei am Freitag gemeldet, dass sie vom Vater einer Klassenkameradin des Neunjährigen erfahren habe, dass der Junge „geschlagen, eingesperrt und nicht ausreichend mit Nahrung versorgt“ werde. Dies sei auch dem Direktor der Schule und der Klassenlehrerin bekannt gewesen. Die Wohnungsdurchsuchung der Kripo ergab, dass der Junge in einer Kammer ohne Heizung lebte, in der das Fenster nicht zu öffnen und das Licht nur von außen einzuschalten ist und deren Tür von außen verriegelt wird. Zudem sagte Dezernatsleiter Michael Havemann, dass der Junge nach der Schule sofort weggeschlossen worden und aus „nichtigem Anlass“ geschlagen worden sei. Aktuell wies das Kind nach Havemanns Aussagen zwar keine Verletzungen auf. „Aber wir wissen durch Aussagen des Jungen und von Lehrern, dass er geschlagen wurde und teilweise nicht zur Schule durfte, bis die Verletzungen ausgeheilt waren.“

Jugendstadträtin Keil verteidigt das Jugendamt: „Die Sozialarbeiter waren mehrmals in der Wohnung. Allerdings immer mit Anmeldung, weil das so vorgeschrieben ist. Es gab dabei nie Anzeichen, dass der Junge misshandelt worden wäre.“ Nach Angaben der Stadträtin hatte der Junge zwar mehrmals seiner Klassenlehrerin gesagt, dass er zu Hause misshandelt werde. „Die Lehrerin setzte sich umgehend mit uns in Verbindung“, schilderte Keil. Bei den anschließenden Besuchen der Sozialarbeiter habe der Junge aber „einen normalen Eindruck“ gemacht; der Misshandlungsverdacht habe sich nie bestätigt. Das Jugendamt und die Lehrerin hätten vereinbart, dass, sobald der Junge sich nochmal an die Lehrerin wenden würde, die Polizei hinzugezogen werden solle. Der Polizeieinsatz am Freitag war unangemeldet – und es war eine Jugendamtsmitarbeiterin dabei. Das Kind wurde in Obhut genommen – „weil wir es in der ungeheizten Kammer fanden“, sagte Keil.

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