Berlin : Mission in eigener Sache

Die evangelische Stadtmission hat Großes vor. Sie will ein riesiges Gelände am Lehrter Bahnhof kaufen und ein diakonisches Zentrum daraus machen. Dafür werden Spenden gebraucht

Heiko Wiegand

Manche brauchen Beistand, andere einen Platz zum Schlafen. Manche brauchen neuen Lebensmut, andere bloß eine warme Mahlzeit. Die evangelische Stadtmission hilft ihnen allen. Seit 1997 sind die christlichen Sozialarbeiter für Obdachlose, Straftäter und seit einiger Zeit sogar für Touristen da. Jetzt plant die Mission Großes: Sie will das Gelände kaufen und in ein riesiges missionarisch-diakonisches Zentrum verwandeln. Weil dafür das Geld fehlt, hat sogar Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf schon zu Spenden aufgerufen und selbst 5000 Euro gegeben. 330 000 Euro sind mittlerweile eingegangen. Darüber freuen sich die Missionare zwar, eigentlich ist es aber viel weniger, als sie erhofft hatten.

Damit sind erst 660 der 20 000 Quadratmeter des Geländes auf der Rückseite des Lehrter Bahnhofs finanziert. Mit 500 Euro pro Quadratmeter können Einzelpersonen und Gruppen den Aufbau der Einrichtung unterstützen, die unter anderem eine Krankenstation und eine Notübernachtung für Obdachlose sowie ein Jugendgästehaus für Berlin-Touristen umfasst. Bis Ende 2004 soll das parkähnliche Areal der Stadtmission gehören, „um auch in Zukunft Planungssicherheit an diesem Standort zu schaffen“, sagt Martin Zwick, Finanzexperte im Vorstand der Einrichtung. Er hatte gehofft, bis Ende des vergangenen März schon 1,5 Millionen Euro zusammen zu haben. „Davon sind wir noch sehr weit entfernt“, sagt er. Der Start der Spendenkampagne für das größte derartige Übernahmeprojekt bundesweit fiel just mit dem Beginn der Elbeflut im vergangenen Sommer zusammen. Monatelang floss erstmal Geld in die Hochwassergebiete – auch aus Berlin.

In der Stadtmission hofft man nun auf eine große Werbekampagne, mit der bundesweit zum Spenden aufgerufen wird. Auch der Preisverfall am Berliner Immobilienmarkt könnte sich für das Vorhaben günstig auswirken. „Ein neues Wertgutachten für diesen Bereich geht davon aus, dass der Wert des Geländes gesunken ist“, sagt Finanzvorstand Zwick. Zudem wird darüber nachgedacht, weitere sozial orientierte Vereine zum Umzug auf das Gelände zu bewegen, um gemeinsame Angebote zu starten.

Hilfe erhofft man sich außerdem von Bezirk und Senat. Der für Liegenschaften zuständige Stadtrat des Bezirks Mitte, Dirk Lamprecht (CDU), steht hinter der Stadtmission: „Die Einrichtung geht mit ihrer Arbeit in diesem Kiez in eine Lücke hinein. In der Frage des Preises wird der soziale Anspruch sicher angemessen berücksichtigt. Nachwerfen können wir das Gelände allerdings auch der Stadtmission nicht.“

Trotz der finanziellen Unwägbarkeiten will Pfarrer Hans-Georg Filker, Vorstandssprecher der Berliner Stadtmission, das Areal bis Ende 2004 erwerben – „wenn möglich, noch vor der Eröffnung des Lehrter Bahnhofs“. Denn: Ist der neue Hauptbahnhof erst einmal in Betrieb, dann rechnet die Stadtmission wieder mit höheren Grundstückspreisen. Absehbar scheint, dass die möglicherweise opulente Restsumme über die Banken finanziert werden muss.

Schon jetzt wird auf dem weiträumigen Gelände nicht nur Obdachlosen, sondern auch Strafgefangenen geholfen, den Weg zurück in ein normales Leben zu finden. „Allein zwischen Juli und Dezember vorigen Jahres wandten sich etwa 200 Menschen an uns“, sagt Projektleiter Siegfried Steffen. Mit einem Ansprechpartner aus der Stadtmission können die Strafgefangenen alle Probleme angehen: „Wir bieten Therapien an, aber wir kümmern uns auch um Kontakte der Straffälligen zum Arbeits- und Sozialamt“, so Steffen. Geholfen wird zudem bei der Wohnungssuche und der Regulierung von Schulden. Obdachlosen stehen gleich mehrere Angebote zur Verfügung – von der akuten Kältehilfe im Winter bis hin zur mehrmonatigen Resozialisierung.

Wer der Stadtmission helfen möchte, kann einen oder mehrere Quadratmeter des Geländes an der Lehrter Straße zum Preis von je 500 Euro symbolisch kaufen – Spendenkonto 5333, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00. Weitere Infos im Internet unter www.zentrum-lehrter-bahnhof.de

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