• Mit allen Sinnen über die Kanäle gleiten Brandenburgs beliebtestes Ausflugsziel lässt sich auf dem Wasser ganz unterschiedlich entdecken

Berlin : Mit allen Sinnen über die Kanäle gleiten Brandenburgs beliebtestes Ausflugsziel lässt sich auf dem Wasser ganz unterschiedlich entdecken

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Dieser Spreewaldkahn fällt beträchtlich aus dem Rahmen: Statt der seit mehr als 100 Jahren üblichen Sitzbänke und Tische weist die Neuerung aus dem Kurort Burg bequeme Liegekissen auf. Auf ihnen können sich maximal vier Personen nach Herzenslust hinlegen und das Labyrinth aus den Spreearmen aus ungewöhnlicher Perspektive erleben. Dieser „Kahn der Sinne“ gleitet fast lautlos über die Fließe, denn auch der auf anderen Kähnen so gesprächige und immer zu Scherzen aufgelegte Fährmann schweigt während der gut einstündigen Tour zum Abschalten.

„Unsere Gäste erzählen uns nach der Rundfahrt immer wieder begeistert von vorher nicht unbedingt erwarteten Erlebnissen“, sagt Dirk Meier, Chef des Burger Spreehafens und Betreiber der Pension „Schlangenkönig“. Von diesen beiden Orten legen die besonderen Kähne ab. Beim Blick in die Baumkronen hätten die liegenden Kahnfahrer Libellen, bunt schimmernde Vögel und Störche beobachtet und sich rundum entspannt, gibt Meier, Ende der achtziger Jahre ein international erfolgreicher Radsportler, die Eindrücke der Besucher wieder.

Neben dem „Kahn der Sinne“ könnten die Ausflügler noch andere Angebote probieren, die ganz und gar nicht mehr dem antiquierten Bild des Spreewaldtourismus entsprechen. Kurse in Qi Gong, Pilates, Yoga oder Stressabbau finden in Burg auch unter freiem Himmel statt, Töpfer-, Filz- oder Glasmanufakturen laden ein. Sogar ein Bio-Hotel gibt es inzwischen im Spreewald: Die „Kolonieschänke“ in Burg verspricht „100-prozentigen Bio-Einsatz und Speisen jenseits von Einheitsbrei und Geschmacksmonotonie“.

Inhaber Olaf Schöpe hat ein dichtes Netz von geführten Radtouren und Fahrradverleihern ins Leben gerufen und dabei eine Bio-Höfe-Tour entwickelt. „Unsere Gäste besuchen das Auerochsen-Reservat in der Spreeaue, das Landgut in Pretschen und die Hofgemeinschaft in Ogrosen“, erklärt Schöpe die Idee. „Überall können die Radler kosten.“

Natürlich steht auf der Speisekarte der Kolonieschänke auch das Spreewälder Leibgericht: Kartoffel, Quark und Leinöl. Gleich gegenüber befindet sich eine Anlegestelle für Kanus und Kajaks. Sie sind die individuelle Alternative zu den Kähnen. Inzwischen gibt es im Spreewald sogar Drachenboote, in denen im Durchschnitt zehn Leute paddeln, die von einem Trommler angefeuert und von einem Steuermann auf Kurs gehalten werden. Die knallig roten oder blauen Seitenwände heben sich kontrastreich vom satten Grün der Natur ab.

Zum Glück herrscht im insgesamt 1575 Kilometer langen Netz der Wasserwege genügend Platz, sodass sich der „Kahn der Sinne“ und die Drachenboote weiträumig umfahren können. Immerhin 276 Kilometer sind zwischen Schlepzig im Norden und Burg im Südosten schiffbar. Da findet auch jeder Paddler garantiert seine ruhige Tour, wobei eine völlige Einsamkeit im Spreewald durchaus einige Risiken birgt. Denn vor allem im dichten Blätterwerk und in niedriger Position im Boot fällt die Orientierung an den Kreuzungen der Spreearme nicht ganz leicht. „Wir geben unseren Gästen immer eine wasserfeste Karte mit“, sagt Heike Schiela, die in Schlepzig Paddelboote verleiht. „Sonst könnte man sich schnell verfahren und dann reicht vielleicht die Kraft nicht mehr bis zurück.“

Manchmal hilft nur die Nachfrage bei Gleichgesinnten, die auch an den Schleusen oft die einzigen Helfer sind. An Wochenenden und an schönen Tagen bieten zwar Jugendliche gegen einen kleinen Obolus ihre Hilfe an, aber oft sind die Paddler mit der Bedienung der Anlagen auf sich allein gestellt. Da greifen sie dann gern auf die Hilfe beim Schieben oder Öffnen der Tore zurück. Nur die Gäste auf dem „Kahn der Sinne“ werden in ihren Träumen nicht gestört.

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