Berlin : Mit allen Wassern gewaschen

9 Grad das Nass, 17 die Luft: Das Wannsee-Bad hat seit Montag geöffnet. Die 82-jährige Vera Erichsen ging wieder als eine der ersten zum Strand

Annette Kögel

„Als ich hier zum ersten Mal ins Wasser bin – das Bild habe ich genau vor Augen.“ Vera Erichsen lässt den Blick über den Wannsee schweifen. 1925 war das. „Damals trug mein Vater eine lange Badehose, heute heißt das Boxershorts.“ Seit diesem Tag verging kein Jahr, in dem die heute 82-jährige Mariendorferin den Sommer nicht im Strandbad Wannsee verbrachte. Gestern begann dort die Badesaison – damit öffnete Wannsee als erstes der 13 Freibäder in Berlin.

Dass sich die Drehkreuze in Wannsee ab Montag pünktlich zum Frühlingseinbruch bewegen, hatte sich herumgesprochen. Vera Erichsen war schon vorm offiziellen Einlass um 10 Uhr da –Frühaufsteher und Stammgäste kamen ab 7 Uhr gratis rein. „Ich habe mich so darauf gefreut, endlich wieder hier zu sein“, sagt die Frau aus Mariendorf. Hier ein Lächeln für den Mann an der Kasse, dort eine liebevolle Begrüßung, da ein Handschlag für die Leute in der Verwaltung.

1925 fuhren Vera und ihre Eltern noch mit der Dampflok raus nach Wannsee – heute läuft die 82-Jährige jeden Tag absichtlich zwei Stunden vom S-Bahnhof aus durch den Wald bis zum Bad. „Der Gesundheit wegen. Und danach gleich ein paar Bahnen ziehen“. Gestern war mit Schwimmen aber noch nichts. Wasser 9 Grad, Luft 17 Grad, da zogen die 300 Wannsee-Gäste am Premierentag doch das Sonnenbad vor. Von den neuen Saisonkarten wurden bereits 80 verkauft. Auch Vera Erichsen hat jetzt eine.

Die 82-Jährige hat ihr Badelaken auf einer Aluminium beschichteten Kältefolie ausgebreitet. Same procedure as every year: Die braune Nachfüllflasche mit der Sonnenmilch steht griffbereit im weißen Turnschuh. Ein paar selbst geschmierte Stullen, das aktuelle „Spiegel“-Magazin und eine Thermoskanne: Das gehört zur Standardausrüstung. „Früher hatten meine Eltern immer Kartoffelsalat und Würstchen mit. Etwas an einer Bude zu kaufen, konnten wir uns nicht leisten.“

An diesem Montag gibt’s im Strandbad Kaffee für einen Euro, Maibowle für 1,80 oder, zur Feier des Tages, einen Piccolo. In der Pizza-Bude sind die Rollos aber noch heruntergelassen. Auf der Promenade parkt ein Trecker – letzte Aufräumarbeiten am Strand. Vera Erichsen deutet auf die baufälligen Gebäude, deren Komplettsanierung auch in diesem Jahr mangels Finanzen wieder ins Wasser zu fallen scheint. „Sehen Sie die rostigen Eisenträger?“ Früher, da zog sich „die Wandelhalle“ fast über die ganze Länge des Strandes. Nach dem zweiten Weltkrieg sind Vera Erichsen und ihr Mann dort oft entlangspaziert und haben „in dem schönen Restaurant oft mit Bekannten Geburtstag gefeiert“. Dort, wo am Montag die Anfeuerungsrufe der Beachvolleyballer zu hören waren, trug der Wind einst das Gelächter großer Gesellschaften über den hellen Sand.

Das Strandbad Wannsee – für die 82-Jährige gehört es zur Biographie wie der erste Kuss. Als Jugendliche hat sie dort „schon mal einen Schulfreund in Badehose angepeilt“. Später, als Verkäuferin in der Strickwarenabteilung des KaDeWe, trösteten sie Bad-Bekannten angesichts des Verlusts ihres Mannes. Wenn sich niemand um die Blumenkübel vorm Eingang kümmerte, jätete Frau Erichsen kurzerhand das Unkraut. Den Frauen aus der Verwaltung bringt sie regelmäßig ausrangierte Bücher mit. „Aber nur nur Gutes, keinen Schund.“

Traurig, dass die Jahrzehnte vergingen? Vera Erichsen: „Nein, ich lebe im Hier und Jetzt und genieße jeden Tag aufs Neue .“ Und außerdem findet die FKK-Anhängerin es „schön, dass die Menschen heute ein natürlicheres Verhältnis zum eigenen Körper haben als früher“.

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