Berlin : Mit allen Wassern gewaschen

Sie haben im Urlaub keine Zeitung gelesen oder waren vom Internet abgeschnitten? Bernd Matthies hat die Berlin-Themen des Sommers zusammengefasst, damit Sie mitreden können

Keine Ente. Der Sommer ist bislang ins Wasser gefallen. Foto: dpa/Tobias Kleinschmidt
Keine Ente. Der Sommer ist bislang ins Wasser gefallen. Foto: dpa/Tobias KleinschmidtFoto: dpa

30. Juni:

Die Schulferien beginnen, und bei den Bäderbetrieben sind alle voller Hoffnung: Konfliktlotsen sollen Ruhe am Beckenrand schaffen. Im Sommer 2010 gab es viel Ärger, der soll sich nicht wiederholen. Tut er auch nicht, weil der Sommer insgesamt ausfällt – doch das weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Für den Anfang legt ein Blindgänger erstmal halb Zehlendorf lahm. Auch die Natur hält einen Fliegeralarm bereit: Der gerippte Brachkäfer Amphimallon solstitiale reißt die Lufthoheit über dem Tempelhofer Feld an sich. Und Alarm gibt es bei den Grünen, die ihren Wahlkampfmanager feuern, weil er nach Wowereits Hoffest im Auto an der Ampel heiter entschlummert und diesen Umstand dann mit der Polizei handgreiflich ausdiskutiert.



2. Juli:
 Das Thermometer schafft es mit Hängen und Würgen auf 14 Grad, so kalt war es noch nie an diesem Tag in Berlin. Und noch nie ist das Sommerkonzert der Philharmoniker in der Waldbühne ausgefallen – diesmal schon. Die Fashion Week beginnt, und die Deutsche Flugsicherung hat wieder einen neuen Aufreger zu bieten: Bei Ostwind wird sie demnächst 120 Flieger täglich über den Müggelsee schicken, was dort erwartungsgemäß auf keinerlei Zustimmung stößt.

5. Juli: Der neue katholische Erzbischof stellt sich vor, ein weitgehend Unbekannter – Rainer Maria Woelki aus Köln. Markantes Kennzeichen: runde Brille.

7. Juli: Nach dem Scheitern der Münchener Olympiabewerbung geht mal wieder ein Ruck durch Berlin, folgenlos, wie sich versteht. Das Wetter bleibt schlecht, die Laune der Müggelseer auch, ab und an brennen ein paar Autos quer durch die Innenstadt.

11.Juli: In Neukölln eskaliert rot-grüner Knatsch. SPD-Bürgermeister Buschkowsky schickt über 60 Jugendhilfeprojekten die Kündigung, weil die grüne Jugendstadträtin Vonnekold angeblich zu viel Geld für anderen Kram ausgegeben hat. Dann finden sich noch irgendwo 600 000 Euro, und die Sache ist eventuell erledigt.

12. Juli: Das Verwaltungsgericht bremst Ehrhart Körtings neuen Polizeipräsidenten aus. Udo Hansen, ein wegen Atemproblemen frühpensionierter Bundesgrenzschützer, sei auf fehlerhafte Art berufen worden. Körting sieht das erst einmal nicht so. Hin und wieder regnet es, und in Müggelsee...

14. Juli: BVG-Chefin Sigrid Nikutta nutzt den Sommer für eine vielfältige PR-Offensive. Deren Höhepunkt, das Handy-Ticket, verstimmt allerdings die Datenschützer und funktioniert nur zögernd.

19. Juli: 20 Brandstiftungen in der Nacht zum Donnerstag. Die gefährlichen Irren sind offenbar weder im Urlaub, noch lassen sie sich ihr Hobby vom Wetter vermiesen.

23. Juli: Facebook ist kein Allheilmittel. Trotz schulmäßig netzgewirkter Vorbereitung kommen nur sechs Teilnehmer zur Loveparade in den Tiergarten, 13 994 weniger als erwartet. War wohl doch keine so gute Idee.

25. Juli: Eine defekte Gastherme löscht in der Köpenicker Puchanstraße eine sechsköpfige Familie aus.

26. Juli: Auf dem Ostbahnhof brennt die unbemannte Lokomotive eines Regionalzugs ab. Die Feuerwehr löscht bei 15 000 Volt Fahrspannung. Innensenator Körting ist bedient, allerdings aus anderem Grund, und delegiert die Suche nach einem neuen Polizeipräsidenten an eine Auswahlkommission, in der er selbst nicht sitzen möchte. Versuche, daran eine Art Wahlkampfauseinandersetzung zu entzünden, scheitern an allgemeiner Lustlosigkeit.

28. Juli: Neuer Rekord – diesmal brennen stadtweit 26 Autos, Schwerpunkt Niederschönhausen.

31. Juli: Offiziell bestätigt: Dies war der zweitnasseste Monat in Berlin seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1908. In Friedrichshagen tritt ein bis dato unbekannter Bach, die Erpe, über die zu knapp geschnittenen Ufer.

1. August: Klaus Wowereit besucht den Zoo und streichelt ein chinesisches Faltenschwein. Draußen werden die Wahlplakate in die Stadt gehängt. Im Südwesten regnet es noch etwas mehr als sonst – Ausnahmezustand. Dabei säuft auch die Avus ab und wird stadtauswärts vorübergehend komplett gesperrt.

4. August: Die Statistiker vermelden für 2010 einen Berliner Geburtenrekord. 33 393 Kinder, so viel wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Relativ am gebärfreudigsten: die Friedrichshain-Kreuzberger. In Wedding begeht der 25-jährige Mustafa Y. eine Wahnsinnstat und schießt auf ein Auto, in dem die Familie seiner Exfrau sitzt. Zwei Tote, ein lebensgefährlich Verletzter. Mustafa Y. taucht unter, wird später gefasst.

5. August: So richtig gut läuft es nicht für die Grünen. Die Quoten sind auf Talfahrt, und auch der grüne Bildungspolitiker Öczan Mutlu vermurkst die Stimmung, als er Unter den Linden wegen zwei Currywürsten mit Pommes und einer Fanta in Streit mit dem türkischen Verkäufer gerät. Anzeige, Gegenanzeige, dann wird der Streit mit gegenseitigen Entschuldigungen beigelegt. Mutlu habe halt Temperament, heißt es bei den Grünen.

8. August: 3000 Müggelseer demonstrieren in Müggelsee gegen die Flugrouten. Renate Künast und Gregor Gysi schauen vorbei und sagen, dass sie schon immer dagegen waren. Ab und an regnet es über Berlin. Von den Konfliktlotsen der Bäderbetriebe ist nichts mehr zu hören, vermutlich sind sie entnervt in Urlaub gegangen.

11. August: Die Ferien enden, wie sie begonnen haben. Nämlich mit einem Blindgänger, mitten in der Stadt am Breitscheidplatz.

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