Mit anderen Augen : Ein Flirt mit Berlin

Unsere dänische Gastredakteurin Lea Klæstrup Andersen ist auf Entdeckungsreise durch Berlin. Die Stadt mit dem "lässigen Charme eines Teenagers" hat es ihr angetan - auch wenn es Dinge gibt, die sich ihr nicht auf Anhieb erschließen.

Lea Klæstrup Andersen
Austausch-Journalistin Lea Klæstrup Andersen auf Erkundungstour durch Berlin.
Austausch-Journalistin Lea Klæstrup Andersen auf Erkundungstour durch Berlin.Foto: privat

Mit großen Löchern in der schwarzen Nylon-Strumpfhose und schweren Armeestiefeln kommt sie daher. Ein charmanter Teenager mit lässiger Kleidung und mächtig viel Make-Up unter den Augen. So ist Berlin für mich. Keine klassische Schönheit wie Paris, eher ein sich in steter Veränderung befindlicher Rohdiamant. Und das meine ich als Kompliment.

Ich komme aus Dänemark und mein Flirt mit Berlin hat erst vor ein paar Wochen begonnen. Ich habe mich in die Schönheit der grünen Parks, in die klassische und experimentelle Kultur, in die vielen interessanten Menschen und das historische Bewusstsein Berlins verliebt. Dabei hält die Schwärmerei immer noch an und könnte vielleicht sogar in einer festen Beziehung enden. Wer weiß?

Als Teenager muss man einige Kämpfe ausfechten und Erfahrungen sammeln. Berlin hat viel durchgemacht, und das merkt man an vielen Stellen der Stadt. Durch Berlins Straßen zu spazieren, ist wie eine Reise durch die bedeutsamsten Kapitel der modernen europäischen Geschichte.

Doch obwohl ich mich in Berlin sehr wohl fühle, gibt es auch Dinge die mich verwundern. Zum Beispiel war ich bei einer Medienkonferenz im Haus der Kulturen der Welt, bei der fast ausschließlich Männer auf dem Podium diskutierten. Vielleicht war das ja Absicht, aber mir stellt sich die Frage: Wo ist eigentlich die andere Hälfte der Deutschen? Wo sind die Frauen - abgesehen von Angela Merkel natürlich?

Ein paar Tage später war ich in Prenzlauer Berg. Hier fand ich Frauen in Hülle und Fülle. Mit Kinderwagen, Babys und schicken Sonnenbrillen. Sie schienen sich prächtig zu amüsieren. Erstaunlicherweise sah ich nur zwei Väter mit Kindern - von denen der eine aus Holland kam und der andere aus Dänemark.

Gefällt diesen Frauen ihr Leben als Hausfrau und Mutter? Oder hängt ein solches Rollenverständnis womöglich mit dem Ehegattensplitting und den Gehaltsunterschieden zwischen den Geschlechtern zusammen? Ich habe es noch nicht herausgefunden. Aber es wäre schön, wenn ich mehr Berliner Väter zusammen mit ihren Kindern sehen würde und es dafür auch Frauen gäbe, die an Podiumsdiskussionen teilnehmen.

Als Dänin und Europäerin, die neu in der Stadt ist, macht Deutschland auf mich einen guten Eindruck. Als ich letzte Woche auf einer Bank in einem kleinen Steglitzer Park saß, kam ich mit einer Frau mittleren Alters ins Gespräch. Sie erzählte mir von ihrem Leben - und von der Zukunft Deutschlands. Es klang nicht optimistisch. Ein Beispiel hatte sie auch gleich parat: Sie zeigte auf ein paar sehr junge Mädchen, die Weißwein aus der Flasche tranken und eine selbstgedrehte Zigarette teilten. "Sehen Sie, das ist Deutschlands Zukunft!", seufzte die Frau - und nahm einen großen Schluck von ihrem Bier.

Steht es wirklich so schlimm um die Deutschen? Ich persönlich bin da eher optimistisch, denn letztlich ist es wohl so wie mit meinem kleinen Berlin-Flirt: Alles hat und braucht seine Zeit...

Lea Klæstrup Andersen stammt aus Dänemark, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Sie hat für mehrere dänische Zeitungen geschrieben und unter anderem zwei Jahre Berufserfahrung als Korrespondentin in Paris. Bis Ende Mai ist sie als Gastredakteurin im Rahmen des Internationalen Journalisten-Austauschprogramms (IJP) beim Tagesspiegel.

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