Berlin : Mit Arm-Antrieb

Sirko Wehr ist querschnittgelähmt. Er nimmt heute am Marathon teil – im Rennrollstuhl

NAME

„Da kommen die Silberpfeile“, frotzeln zwei Inline-Skater auf dem Kronprinzessinnenweg neben der Avus. Sie meinen die Rennrollstuhl-Fahrer, die sich hier auf den Berlin-Marathon vorbereiten. Einer von ihnen will die 42,195 Kilometer das erste Mal fahren: Sirko Wehr. Er sitzt seit seinem Unfall vor drei Jahre im Rollstuhl – wegen einer Querschnittlähmung im Halsbereich .

Laufen kann er nicht mehr, Beine, Rumpfmuskulatur und auch Partien der Hände sind gelähmt, aber die Arme sind funktionsfähig – also ein Tetraplegiker, wie die Mediziner sagen. Sirko Wehr ist nicht gerade muskelbepackt, und er ist ein Anfänger. 30 bis 40 Kilometer trainiert der 27-Jährige in der Woche. Nun will er sich beim Marathon beweisen.

Mit Sport hatte Sirko Wehr vor seinem Unfall nichts zu tun. Schulsport ja, aber Leistungssport? Nie. Doch nach dem Unfall wurde Sport zur Pflicht. In der Marzahner Unfallklinik gehört Training maßgeblich zur Rehabilitation Querschnittgelähmter. Sie müssen sich an einen Rollstuhl gewöhnen und dabei Muskeln und Beweglichkeit neu koordinieren. Ohne professionelle Hilfe dauerte das früher viele Jahre.

Auch heute droht mit der Entlassung aus der Klinik ein Bruch. Oft bleibt für Sport wenig Zeit. Sirko Wehr musste sich als Bauingenieur Arbeit suchen, sich ins Leben neu einfinden. Erst seine Krankengymnastin drängte ihn, körperlich aktiv zu werden. Sportlehrer aus der Unfallklinik vermittelten ihn an die Rennstuhlfahrer des SC Charlottenburg. Hier trainiert er seit dem Frühsommer 2001 regelmäßig. Noch rollt er hinter den anderen her, es fehlen ihm viele Trainingskilometer, „aber das ist doch normal“, sagt er, „das haben sie sich verdient.“ Sein Antrieb sei die „Befriedigung des Bewegungsdranges, die Freude am Tempo aus eigener Kraft“, sagt Sirko Wehr.

Unter den mehr als 100 Rennstuhlfahrern beim Berlin-Marathon sind in jedem Jahr 10 Prozent Anfänger. Sie schätzen die guten Bedingungen bei diesem Marathon: günstiger Streckenverlauf, guter Service für Rollstuhlfahrer. Wer mitfährt, kommt meist auch an. Das ist auch für Sirko Wehr mit der Startnummer R 215 das Wichtigste – und wenn er einer der Letzten wird. Reiner Pilz

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar