Berlin : Mit Blick auf Flick

Die umstrittene Schau im Hamburger Bahnhof ist eröffnet: Die ersten Besucher hatten keine moralischen Bedenken

Thomas Loy

Schon an der Kasse gibt es für die MoMA-müden Kunstliebhaber das erste beglückende Erlebnis: freier Eintritt am ersten Tag! Kein Schlangestehen, alles kostenlos. Bis zum frühen Abend sind es schon 4500 Besucher, geöffnet ist da noch bis 22 Uhr. Gegen mögliche moralische Zweifel, in die Flick-Ausstellung im Hamburger Bahnhof zu gehen, opponiert erfolgreich das gute Gefühl, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Am ersten Tag kommen vor allem Ältere. Sie sind ratlos und geschockt. Oder ebenso ratlos, aber entrückt und begeistert. Einig sind sich die meisten nur darin, dass der Blick auf diese Kunst durch die Diskussion um ihren Eigner nicht getrübt wird. Wie soll an einer Sammlung von Gegenwartskunst das Blut der Vergangenheit haften?

Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des „Stern“ meinen 58 Prozent der Deutschen, dass die Sammlung zu Recht gezeigt wird. Einer von ihnen ist Hans-Dietrich Koch aus Bremen, 73 Jahre alt. Er lobt die Phantasiekraft der Künstler. Die Kritiker sind für ihn rückwärtsgewandte „Meckerer“. Man müsse aber nach vorne schauen. Eine Dramaturgin aus dem Umland blendet die politische Debatte völlig aus, während sie durch Flicks Kunst flaniert: „Das ist mir wurscht.“

Werner und Eva Danne, pensionierte Lehrer, stoßen sich vor allem am zur Schau gestellten Kunstbegriff. Die Assoziationen zu einzelnen Werken ringen sich in ihren Köpfen gegenseitig nieder – übrig bleibt das Gefühl der Fremdheit und Schulterzucken. Zum Thema Geld und Verbrechen fallen den Dannes die Monarchen ein, die ihre Hofmaler mit dem Geld aushielten, das sie zuvor aus ihren Untergebenen herausgepresst hatten. Soll man deswegen alle Rembrandts und Goyas ins Depot verbannen?

Im unendlich scheinenden Flur der Rieck-Halle spaziert Antje Kempe, Studentin der Kunstgeschichte und versucht, sich dem Menschen Flick anhand seiner Kunst zu nähern und eine Botschaft zu entschlüsseln. „Die Sammlung ist sehr breit gefächert“, sagt die 27-Jährige. Sie hatte sich zuvor gefragt, ob es politisch korrekt sei, in diese Ausstellung zu gehen. Lassen sich Kunst und Moral vielleicht doch nicht trennen?

Gustav Starzmann, ein braun gebrannter Herr, hat die Flick-Ausstellung souverän durchmessen. Er ist selbst Künstler, hat aber zwei Jahrzehnte seines Lebens für die SPD im bayerischen Landtag gesessen. Er müsste wissen, wie sich Politik, Geld und Moral zueinander verhalten. Vor der Ausstellung sagte er seiner Frau: „Da geht man nicht hin.“ Dann hörten sie vom freien Eintritt – und gingen doch.

Die Flick Collection im Hamburger Bahnhof (Invalidenstraße 50-51) ist bis 23. Januar 2005 zu sehen. Geöffnet ist Di-Fr 10 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 22 Uhr und So 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 4 Euro.

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