Berlin : Mit Brille wär’ das nicht passiert

Als Cynthia Powell ihren Kommilitonen John Lennon 1958 traf, war es Liebe auf den ersten Blick. Sieben Jahre waren sie verheiratet. Jetzt ist Johns erste Frau als Stargast zum Beatles-Festival ins Neuköllner Estrel-Hotel gekommen

Nana Heymann

Ihre erste Begegnung hätte kaum merkwürdiger sein können: 1958 hatte sich die 18-jährige Cynthia Powell am Liverpool College of Art eingeschrieben. Mit den langen blonden Haaren, den vollen Lippen und den schwarz umrandeten Augen unter einem dicken Pony ähnelte sie ein bisschen Brigitte Bardot, doch darüber machte sie sich an ihrem ersten Tag keine Gedanken. Ein unangenehmer Sehtest stand Cynthia bevor, konnte sie doch die Zahlen und Buchstaben an der Tafel nur schwer erkennen. Plötzlich reichte ihr ein Banknachbar seine Brille, und das nur mühsam zu Entziffernde gewann an Kontur – ebenso wie der Junge neben ihr, dessen Frisur etwas Rebellisches hatte.

Dieser Moment bedeutete für Cynthia Powell das, was man Liebe auf den ersten Blick nennt. Ihr Kommilitone, der sich als John Lennon vorstellte, zeigte allerdings erst auf der Semesterabschlussparty Interesse an ihr, als er sie zum Tanzen aufforderte. Die beiden wurden unzertrennlich – bis es Lennon mit seiner neuen Band „The Beatles“ nach Hamburg zog. Zwar heirateten Cynthia und John 1962 in einer eilig vor einem Konzert arrangierten Zeremonie – ihre Beziehung zeigte da aber schon erste Risse. Lennon, der eifrig an seiner Karriere bastelte, hatte nur noch wenig Zeit für seine Frau, selbst als 1963 ihr Sohn Julian geboren wurde. Der Rest ist Geschichte: Lennon begegnete Yoko Ono, seine Ehe zerbrach endgültig – und die Beatles zerfielen gleich mit.

Mehr als 40 Jahre später sitzt Cynthia Lennon im Restaurant des Estrel-Hotels in Neukölln, eingeladen von Veranstalter Bernhard Kurz, der an diesem Wochenende die Beatles-Convention organisiert – ein Treffen von Fans und Menschen, die einst mit den Fab Four zu tun hatten. Musikexperten, Doppelgänger und aufgekratzte, in die Jahre gekommene Anhänger aus der ganzen Welt kommen dort miteinander ins Gespräch. In der weitläufigen Hotellobby und in den Fluren und Sälen schwelgen sie zwischen Beatles-Instrumenten und großformatigen Fotografien bei einem Glas Erdbeerbowle in Erinnerungen. Über all dem schweben Hits wie „Hey Jude“, „Let it be“ oder „Love me do“. Manch Grauhaarige zieht da spontan seine Ehefrau zum Tanz an sich.

Cynthia Lennon ist der Stargast. So ganz geheuer scheint der 65-Jährigen der Rummel um ihre Person nicht zu sein. Abgeschirmt von Begleitern und Assistenten versucht sie sich fast scheu im Hintergrund zu halten und vor den Blicken der Lennon-Fans zu schützen. Daran musste sie sich schon früh gewöhnen, denn in den 60ern wurde sie lange vor der Öffentlichkeit verborgen. „Es war nicht üblich für Popstars, verheiratet zu sein und Kinder zu haben“, erzählt sie.

Cynthia Lennon trägt ein unscheinbares schwarzes Outfit. Nur die Halskette mit dem extravaganten Anhänger aus Horn lässt ihre ungebrochene Leidenschaft für Kunst erahnen. Nach der Scheidung 1969, mit einer Abfindung von 100 000 Dollar, versuchte sie sich als Designerin und Restaurant-Betreiberin an einem unaufgeregten Alltag. Ein Leben als allein erziehende Mutter und zwei weitere Scheidungen standen ihr noch bevor.

Ob sie noch Kontakt hat, zu Paul McCartney, Ringo Starr oder einem der anderen aus der alten Clique? „Nein, wir verkehren nicht mehr in denselben Kreisen. Aber mit Paul würde ich gerne wieder einmal sprechen.“ Dabei klingt sie ein wenig wehmütig, als sei sie von all den Fragen nach der Vergangenheit erschöpft. Und doch hat sie jetzt ihr Leben an der Seite Lennons, den sie zum letzten Mal 1974 in Amerika traf, in dem Buch „John“ niedergeschrieben, das demnächst in England erscheinen soll. „Ich bin kein Kämpfer“, sagt Cynthia Lennon noch. Den vielleicht größten Kampf, den um ihre große Liebe John, hatte sie ohnehin verloren, als er berühmt wurde.

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