Berlin : Mit Bruno Preisendörfer unterwegs in Berlin (Kommentar)

Bruno Preisendörfer

Die meisten Leute lesen ihre Zeitung wahrscheinlich morgens. Trotzdem: "Die Sonne ist soeben prächtig untergegangen. Nun versinkt die Stadt in grauer Dunkelheit, und die Filmschauspielerinnen und Filmschauspieler dieser Stadt schauen melancholisch aus ihren Fenstern zum Horizont hinüber, und zwar in der Hoffnung auf den grünen Streifen, der Glück bringen soll. Diejenigen, die nicht aus ihren Fenstern schauen, kochen Gemüseauflauf." Ich breche ab. Schließlich ist das keine Filmkolumne und Siebeck bin ich auch nicht. Das Zitat war aus Heiner Links "Affen zeichnen nicht", eine glatte Lüge, nebenbei gesagt. Aber darum geht es jetzt nicht, sondern um den Lesedoppelwhopper, den Heiner Link zusammen mit Stefan Beuse am Samstag um 23 Uhr im Roten Salon der Volksbühne veranstaltet: "Weibergeschichten - Beuse und Link tun es". Und ich tu ein Link zur Weltgeschichte.

Naja, zugegeben, so toll war mein Brückenwitzlein nicht. Im "Zeitalter der Globalisierung", wie es immer so hilflos begriffsschachtelig heißt, hat die Universalgeschichte wieder erneut Konjunktur, nachdem sie zusammen mit der Geschichtsphilosophie für einige Jahrzehnte unter dem Verdacht stand, historische Sinnverläufe zu konstruieren, in denen mehr von den Orientierungsbedürfnissen der Gegenwart zum Ausdruck kam als von den Tatsachenverknüpfungen der Vergangenheit. Dieser Verdacht bestand häufig zu Recht. Andererseits kommt keine Geschichte ohne Erzähler aus, und ohne Gegenwart gibt es auch keine Vergangenheit. Wie auch immer: Zu den Altmeistern dieser "ideologischen" Art von Geschichtsschreibung gehört der gewöhnlich mit dem Strichcode "Marxist" versehene Historiker Eric J. Hobsbawm. Er ist seinen Werthaltungen ein Leben lang treu geblieben, und das hat bei Hobsbawm trotz seiner 82 Jahre mit Altersstarrsinn nichts zu tun. In seiner "Das Zeitalter der Extreme" betitelten "Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts" hat er eine Art Perspektivenaufriss vom Ersten Weltkrieg und der bolschewistischen Revolution bis zum Niedergang des Kommunismus gezeichnet. Am Sonntag ist er um 11 Uhr 30 in einer Berliner Lektion im Renaissance-Theater zu erleben.

Was Geschichte im Gegenwartszustand ihrer Aufarbeitung als Vergangenheit bedeuten kann, wird am Freitag (ab 13 Uhr) und Sonnabend (ab 12 Uhr) in der Literaturwerkstatt im Rahmen der "Balkan Brücken: Serbien" diskutiert. Eines der beiden Freitagsthemen lautet: "Kollektive Schuld und Mythos oder individuelle Schuld und politische Verantwortung. Zur prekären Rolle kollektiver Erinnerung und kollektiver Mythen. Nicht nur ein serbischer Fall."

Morgen Abend wiederum können Sie im Eiltempo durch die ganze Stadt touren und wie ein Bienchen überall ein wenig das Rüsselchen reinstecken: Im Archiv der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz in Mitte geht es um 18 Uhr um Egon Erwin Kisch und die "Jahre des Exils". Um 19 Uhr beginnt in der Akademie der Künste im Hanseatenweg die Verleihung des Anna Seghers-Preises an Stefanie Menzinger und Hermann Bellinghausen. Eine halbe Stunde später beendet Kenzaburo Oe, Nobelpreisträger von 1994 und Inhaber des Samuel-Fischer-Lehrstuhls an der FU, die Reihe "Entwürfe 2000" im Haus der Kulturen der Welt mit einem Vortrag über die kulturelle Situation in Japan. Um 20 Uhr schließlich wird im Literarischen Colloquium der von Karin Graf und dem SZ-Magazin gestiftete Debüt-Preis an Arne Roß vergeben. Die Laudatio hält Hellmuth Karasek. Dann liest Roß aus seinem Roman "Frau Arlette" und ein Umtrunk bildet den Abschluss. Auf Ihr Wohl!

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