Berlin : Mit Bürgersinn gegen Verwahrlosung

Diskussion über Strategie für lebenswertere Stadt.

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Berlin - „Mitte ist nicht nur schick und schön, es hat auch seine nicht ganz so tollen Ecken“, sagt Carsten Spallek (CDU). „Es gibt Leute, die behaupten, Berlin ist schmuddelig, und das ist gut so, ich gehöre nicht dazu“, sagte der Stadtrat für Stadtentwicklung am Donnerstagabend auf einer Diskussionsveranstaltung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und der Initiative „Wir Berlin“. Spallek verwies zugleich auf die unzulängliche Personal- und Finanzausstattung der Bezirke. Mit nur 34 Mitarbeitern könne das Ordnungsamt nicht überall sein. Und Mittel für den Einsatz von mehr Sozial- und Jugendarbeitern fehlen, obwohl „das billiger ist als ein Platz im Jugendknast“.

„Strategien gegen urbane Verwahrlosung“ lautete das Motto der Veranstaltung. Architektin Ingrid Hermannsdörfer, im Landeskriminalamt zuständig für städtebauliche Kriminalprävention, zeigte auf, wie sich die Bildung von Kriminalitätsschwerpunkten verhindern lässt. „Eine Schmuddelecke signalisiert, hier gibt es niemanden, der kontrolliert“, so Claudius Ohder, Professor für Kriminologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. „Der Heimweg ist, wenn es dunkel ist, immer eine Mutprobe“, sagte eine ältere Besucherin und forderte ein Umdenken. Berlin dürfe keine Stadt mehr sein, die dadurch bekannt ist, „dass man sich hier alles leisten kann“. Man habe das Personal von den Bahnhöfen abgezogen, aber Kameras können nicht um die Ecke blicken oder gar Menschen ersetzen. „Viele Ältere haben keine Lust mehr, vor die Haustür zu gehen“, bestätigte Christa Kliemke, die sich an der Technischen Universität mit der Wechselwirkung von Stadtplanung und Gesundheit befasst. Das führe zu Sauerstoffmangel, der demenzielle Veränderungen fördert.

Doch es gibt immer mehr Bürger, die nicht mehr wegschauen, betonte Beate Ernst von „Wir Berlin“. Die Initiative veranstaltet am 15. September ihren Aktionstag „Berlin – unsere saubere Stadt“ und kooperiert mit der Tagesspiegel-Aktion „Saubere Sache“. Frank Miller von der Wohnungsbaugenossenschaft Fortuna berichtete, wie man in Marzahn die Verwahrlosung einer Brache durch Kauf des Grundstücks und Bau eines Kiezparks verhinderte. Auch im Mauerpark in Prenzlauer Berg zeigt der Einsatz der Anwohner Erfolg. „Je mehr sich die Leute im Herzen mit dem Park verbinden, desto weniger Quatsch machen sie“, sagte Alexander Puell von der dortigen Initiative.

Manchmal sind es die kleinen Schritte, so Fadi Saad, Quartiersmanager in Moabit-Ost. Nach dem Aufstellen von Beutelspendern sammeln die Hundebesitzer im Kiez die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner jetzt auf, stellen die Tüten aber oft an den nächsten Baum. Jetzt versucht man, die Standorte der Müllbehälter zu optimieren. Gundula Lütgert von der Initiative Weinbergspark erläuterte, wie die Anwohner gemeinsam mit Polizei und Bezirksamt die einst zum Drogenhandelsplatz verkommene Grünanlage für sich zurückerobert haben.

Nicht immer stößt das Bürgerengagement bei den Behörden auf ausreichende Resonanz, wie Maria Breitfeld-Markowski von der Initiative Brüsseler Kiez beklagte. Ein illegal entsorgter Fernseher wurde erst nach zweifacher Mahnung nach gut sechs Wochen abgeholt. Da war er längst in seine Einzelteile zerlegt worden. Rainer W. During

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