Berlin : Mit dem Bagger gegen die Geschichte: Mauerteile abgerissen

MAREN PETERS

BERLIN .In mehrstündiger Arbeit ist am Freitag nachmittag ein Teil des letzten originären Mauerrestes am Potsdamer Platz abgetragen worden, nachdem eine einstweilige Verfügung des Mauerreste-Besitzers Erich Stanke am Mittwoch vom Kammergericht zurückgewiesen worden war.Ein Teil der 15 Meter langen ehemaligen Hinterlandmauer war einer Zufahrtsstraße für das Bundesratsgebäude im Weg gewesen, das das Land als Bodeneigentümer hier bauen will.

Dem traurigen letzten Akt waren am Freitag Stunden der Unsicherheit vorausgegangen.Bereits um halb sechs Uhr morgens hatten sich die ersten Pressevertreter und Mauerverteidiger an dem 15 Meter langen Mauerrest am Potsdamer Platz versammelt.Gerüchten zufolge sollten die Bagger des Bausenats gegen sechs Uhr anrücken, um die historischen Grenzstücke abzutragen.

Um halb sieben kommen die Bagger tatsächlich - und ziehen sich nach kurzer Zeit wieder zurück.Erst um 11 Uhr 15 plötzlich Unruhe.Mauerbesitzer Stanke ruft: "Achtung, Polizei räumt".Den hinter der Mauer wartenden Bauarbeitern verbietet er hektisch, das Gelände zu betreten.

Stanke-Anwalt Hanns-Ekkehard Plöger betont, daß die Räumung rechtswidrig sei.Ein rechtsgültiges Urteil liege noch nicht vor.Plöger droht mit Anzeigen gegen alle Polizeibeamte.Unterdessen sind auch die Grünen-Abgeordneten Michaele Schreyer, Wolfgang Wieland und Alice Ströver auf dem Platz aufgetaucht.Renate Künast kommt wenig später dazu.Sie alle nehmen Partei für die Mauerschützer.

Um 11 Uhr 45 fordert der Vertreter der Bausenatsverwaltung, Wilhelm Gerke, die Bauarbeiter auf, das Grundstück zu räumen."Die Polizei wird dabei behilflich sein." Inzwischen ist auch ein Sony-Vertreter auf den Plan getreten, dem Stanke entgegenschreit: "Gehen Sie von meiner Mauer runter." Im Gegenzug erteilt der Sony-Mann Stanke ein Hausverbot.Als dritter im Bunde schließt sich der Anwalt der Bausenatsverwaltung an: "Hausverbot gegen alle, die sich auf dem Gelände des Landes Berlin befinden".Die Verwirrung ist perfekt.

11 Uhr 55.Polizeibeamte erscheinen auf dem Gelände: "Wir räumen jetzt." Zwei Künstler, die stundenlang auf der Mauer ausgeharrt hatten, werden von der Polizei heruntergeholt.Gemeinsam mit Pressevertretern und Mauerschützern werden auch die Grünen-Abgeordneten hinter den schleunigst aufgestellten Zaun am Ende der Mauer geschoben.

Um 12 Uhr 20 schnappt der Bagger dann zum erstenmal zu: Vorsichtig schiebt sich der Greifer über ein Mauersegment, die Zähne verbeißen sich in die obere Kante der Mauer, rutschen wieder ab, greifen erneut zu.Schon kippt das erste Mauersegment langsam nach hinten weg.Der Abriß der letzten Mauerreste am Potsdamer Platz nimmt seinen Lauf.

"Sie zerstören hier Geschichte"

Beobachter sind verwundert und empört über den Mauer-Abriß

"Wenn Teile der Mauerreste in einen Park gestellt werden, wirkt das doch wie eine moderne Skulptur.Das hat mit Mauergedenken nichts mehr zu tun", sagt die Grünen-Abgeordnete Michaele Schreyer.Es sei "verrückt, wenn so ein Mahnmal abgerissen wird".In ein paar Jahren könne sich niemand mehr daran erinnern, daß es mal eine Mauer in der Stadt gegeben hat."Dann ist es zu spät."

"Das ist absolut lächerlich, was die hier machen", schimpft der Däne Meds Christensen, der für ein verlängertes Wochenende nach Berlin gekommen ist."Wenn man den Mauerrest an einem anderen Standort wieder aufstellt, ist das doch gar nicht mehr authentisch", sagt er."Schlimm, daß da ein Stück Mauer einfach abgerissen wird", findet Ursula Thiele aus Essen, die mit ihrem Ehemann den Abriß verfolgt."Für die Neubauten wird die Historie einfach auf den Müll geschmissen."

"Sie zerstören hier Geschichte", klagt auch die sichtlich aufgebrachte Israelin Naama Brill."Ich bin schon zum dritten Mal in Berlin - jetzt muß ich mir ernsthaft überlegen, ob ich wiederkomme." Dagegen sagt Daniel Steinbach aus Ost-Berlin: "Gut, daß die Mauer jetzt abgebaut wird." Statt dessen, findet er, sollte ein roter Strich symbolisch an die Geschichte erinnern.Auch Manfred Wendt aus Charlottenburg findet den Teil-Abriß in Ordnung: "Das Mauerstück hier sieht sowieso nicht mehr so aus wie das Original, das haben doch Künstler bemalt.Zwischen den Riesenbauten würde man die Mauer sowieso nicht wahrnehmen.Im übrigen gibt es doch noch andere, originale Mauerstücke in der Stadt, das reicht." pet

Streit um 37 Mauerteile

Um insgesamt 37 Mauerstücke am Potsdamer Platz geht der Streit.Der "Mauerschützer" Erich Stanke ist sich sicher, die Mauerstücke in den Wendewirren von einem DDR-Militär geschenkt bekommen zu haben.Dies bestreitet das Land Berlin, das sich selber als Eigentümer betrachtet.Unstrittig sind die Besitzverhältnisse des Bodens, auf dem die Mauer steht.18 Mauerstücke stehen auf Berliner Land, drei auf dem Sony-Gelände und 16 auf Bundesterritorium.

13 Mauerteile auf Berliner Grund stehen einer geplanten Straße im Weg.Bausenator Klemann versteht die ganze Aufregung überhaupt nicht: "Das ist viel Lärm um nichts." Bei den Mauerstücken handele es sich nämlich um Teile der alten Hinterlandmauer.Sein Vorschlag lautet, die im Weg stehende Mauer da hinzustellen, wo die "richtige" war.Da störe sie niemanden.Stanke hingegen besteht darauf, daß die Mauer bleibt, wo sie stand.Es handele sich um ein einzigartiges Baudenkmal.Sony will seine drei Mauerteile lieber heute als morgen verschwinden sehen.Der Bausenator favorisiert jetzt eine andere Alternative: Da, wo sie nicht stört, bleibt die Mauer stehen, ansonsten wird sie versetzt. JENS ANKER

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