„Es gibt viele Vorurteile gegenüber den Polenmärkten, aber diese Gardinen passen toll zu meinem Teppich.“

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Mit dem Bus zum Polenmarkt : Vierzig Schachteln westwärts
Moritz Herrmann

Enrico verstaut vier Stangen in seinem grauen Rollkoffer. Einkauf erledigt nach sieben Minuten, einen Kaffee noch im Bistro, schwarz, kein Zucker, wie immer, und dann wird Enrico über drei Stunden auf den Rest der Entourage warten und die erste Stange schon zu einem Zehntel wegqualmen.

Helga plaudert sich derweil durch die wellblechbedeckten Verschläge, den Bisongraswodka hat sie, Flasche für 5,99 Euro, von links und rechts schallen die Verkaufskanonaden heran, Gartenzwerge, Bier, Aal, bester Preis, beste Qualität, je lauter der Regen, desto lauter das Rufen der schnauzbärtigen Herren in Ballonseide. Motorboote sind im Angebot und Ledertaschen auch, Feuerwerk, Hundefutter, echte Blumen und falsche. Über dem Feuer braten die Schaschlikspieße und Schnitzel, und aus den willkürlich in allen Gängen arrangierten Musikanlagen dudelt Andrea Berg in Dauerschleife „Doch davon geht die Welt nicht unter / auch wenn mein Herz dich schon vermisst.“ Das, so die Annahme der Händler, muss die Musik der Deutschen sein, und ein bisschen haben sie ja auch Recht. Zumindest die Musik der gealterten Busreisenden ist es. Helga summt mit, während sie zwischen Daumen und Zeigefinger Gardinen befühlt und sich für beigefarbene Schals entscheidet, bestickt mit grasenden Pferden. German Romantik, made in Poland.

Alsbald kehrt Helga zum Bus zurück, bepackt wie ein nepalesischer Sherpa und überpünktlich aus Furcht, an der Oder vergessen zu werden. „Es gibt viele Vorurteile gegenüber den Polenmärkten“, erklärt die 72-Jährige, „aber diese Gardinen passen toll zu meinem Teppich.“

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