Zwischenhalt in Wuhletal: der Bus riecht nach Leberwurst

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Mit dem Bus zum Polenmarkt : Vierzig Schachteln westwärts
Moritz Herrmann

Eine halbe Stunde nach Abfahrt Zwischenhalt Wuhletal, der Bus riecht nach Leberwurst. 15 Minuten später Zwischenhalt Ahrensfelde, der Bus riecht nach Piccolo.

Helga berichtet von ihrer Vorliebe für Kaviar und Bisongraswodka. Die korpulente Köpenickerin gehört der Dampfplaudererfraktion an, zu jeder Feldwiese eine Anekdote. Andere sagen nichts, haben alles gesagt, gesehen, erlebt, es geht jetzt nur noch um das polnische Schnäppchen, ein Kilo Schweinehack für zwei Euro. Der Bus: schnell, der Bube: sicher, die Atmosphäre: gut.

Raucherzone. Zigaretten kosten in Polen weitaus weniger als in Deutschland – und nicht nur die. Für viele ist das ein Grund, sich auf die mehrstündige Tour über die Oder zu begeben. Zwei Mal wöchentlich geht’s beispielsweise mit dem Reisebus vom Ostbahnhof hinter die Grenze. Fotos: Imago/blickwinkel/Herrmann (2)
Raucherzone. Zigaretten kosten in Polen weitaus weniger als in Deutschland – und nicht nur die. Für viele ist das ein Grund, sich...

Und angeschnallt sind auch alle. Ein Altersphänomen, genau wie das Siezen, trotz jahrelanger Bekanntschaft. „Kommen Sie, Frau Dunert, setzen Sie sich doch zu uns. Vielleicht könnte Ihnen ein Früchtetee gefallen?“

Vorbei am Gefallenenfriedhof in Bad Freienwalde, es geht in Richtung Oder, und Enrico erzählt vom Krieg, als läge er neben Ernst Jünger im Schützengraben. Viele der Polenmarktfahrer haben die Bombennächte noch erlebt als Kinder oder Jugendliche. Das Areal, auf dem heute der Polenmarkt steht, war besonders heftig umkämpft, Granatsplitter haben sich in den Backstein gefressen, den man jetzt schon sieht, hinter der Oder, die Deutschland von Polen trennt und den teuren Schinken vom günstigen.

5000 Autos passieren die Grenzbrücke in Hohenwutzen jeden Tag, die meisten davon wollen zum Markt. Sagt jedenfalls dessen Geschäftsführer, Nicolas Gesch. In den neunziger Jahren ertranken hier nur ein paar Buden im Schlamm, dann setzte das Wachstum ein. Es wurde planiert und gepflastert. Heute ist das Gelände riesig, 700 Stände, mehr als 200 davon in beheizten Hallen, dazu 500 Parkplätze, geöffnet auch an Sonn- und Feiertagen. „Ausgelastet sind wir trotzdem nicht, wir vergrößern die Marktfläche nach hinten“, sagt der Chef. Zahlen zum Gesamtumsatz liegen ihm keine vor.

Ist den Rentnern sowieso egal. Als die Bustür öffnet, schwärmen sie aus in die ehemaligen Papierfabriken, die modernisiert sind, aber immer noch zweckmäßig hässlich, entkerntes Dauerschlussverkaufs-Ambiente, in dem es nichts gibt, was es nicht gibt. Enrico, der konsequente Filterlosraucher, steuert zum Stand seines Vertrauens. „Billig Zigaretten, billig Zigaretten“, ruft ein Schiebermützenträger, das Nikotin hat er zu mannsgroßen Pyramiden aufgeschichtet. Luckys, Camels, Marlboros. Das EU-Steuersiegel weist ihre Echtheit aus, da muss man genau aufpassen. Denn immer wieder überschwemmen auch Schmuggelzigaretten den deutschen Markt, erst am vorigen Donnerstag hob die Berliner Polizei einen Ring aus und stellte 1,5 Millionen Zigaretten sicher, die in einer Untergrundfabrik in Polen produziert worden sein sollen.

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