Berlin : Mit dem einstigen Ost-West-Treffpunkt stirbt eine Legende

Michael Brunner

Am Mittwochmorgen kamen die Spezialisten der Abrissfirma in die Friedrichstraße 134. Sie parkten ihre Lastwagen und gingen zum ehemaligen Hotel "Adria". Dort blickten sie auf meterlange Risse in den Außenwänden und begannen kurz darauf mit ihrer Arbeit. Der Auftrag: Vollständiger Abriss des Hauses, am 20. November soll alles weg sein bis zum Kellergeschoss.

Noch vor zwei Jahren war geplant, das ehemalige Hotel zu sanieren und dabei auch die Stuckfassade wiederherzustellen. Doch daraus wurde nichts. Das Gebäude war ursprünglich auf Holzpfählen errichtet worden, die inzwischen verrottet oder ganz weggefault sind. "Das Haus war einsturzgefährdet, wir mussten handeln", sagt Heinz Meermann, der Geschäftsführer der Regional-Hausbau GmbH, die Eigentümerin des ehemaligen Hotels ist. Wie konnten die Pfähle im Sand unter der Friedrichstraße auf einmal verrotten? Meermann und mit ihm mehrere Gutachter führen dies auf den Bau der U-Bahn-Linie 6 nach Tegel zurück. "Dabei wurde das Grundwasser stark abgesenkt und Luft gelangte zu den Holzpfählen", sagt Meermann.

Das Haus Nummer 134 hat Geschichte: Dort wohnte der junge Max Reinhardt kurz nach seiner Ankunft in Berlin. "Berlin ist eine wahrhaft herrliche Stadt", schrieb er nach Hause. Die Friedrichstraße 134 war nach dem Zweiten Weltkrieg der erste russische Offiziersklub, wurde später zu einem Treffpunkt des Schiebermilieus. Da die Adria jedoch außerhalb des "sozialistischen Weltsystems" lag, benannten die Funktionäre der Hotel- und Gaststättendirektion das Haus nach der bulgarischen Hauptstadt in "Sofia" um. Später hieß das Haus wieder "Hotel Adria". Bis heute erinnern sich Geschäftsleute aus dem Westen an die angeblich so heißen Nächte, die sie im "Adria" erlebten. Gegen West-Mark oder Dollar schickte die DDR jene Frauen aufs Zimmer, die man im Westen schon immer Prostituierte nannte. Andere behaupteten, die Stasi habe gewisse Zimmer "komplett verwanzt". Jedenfalls hatte das "Hotel Adria" seinen Ruf weg. Dies scheinbar für alle Zeiten.

Seit 1991 stand die ehemalige Herberge leer, sollte schließlich sogar renoviert und in den Neubaukomplex für ein "Design-Zentrum" einbezogen werden. Diese Pläne wurden jedoch nie umgesetzt. Für die Regional-Hausbau GmbH steht jetzt erst einmal der Abriss auf der Tagesordnung. Was danach gebaut wird, steht noch nicht fest.

Zum Gesamtareal gehört auch die Häuserzeile Am Zirkus 3 bis 6 und das Haus Reinhardtstraße 9, das derzeit bereits in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz restauriert wird. Zu den derzeitigen Plänen äußerte sich Heint Meermann diplomatisch: Im Gespräch mit Bezirksbürgermeister Joachim Zeller (CDU) sei klar geworden, dass "die Planungen für das Ensemble am Schiffbauerdamm Ecke Friedrichstraße und Am Zirkus den historischen Anforderungen Genüge leisten sollen". Anders gesagt: nicht höher als Traufhöhe, moderne Fassade möglich.

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