• Mit dem Fahrrad zu 50 Berliner Baudenkmälern: Ein architektonischer Exkurs ergänzt die Schau mit Kunst des 20. Jahrhunderts

Berlin : Mit dem Fahrrad zu 50 Berliner Baudenkmälern: Ein architektonischer Exkurs ergänzt die Schau mit Kunst des 20. Jahrhunderts

Frank Peter Jäger

Da steht ein Haus jahrein, jahraus stumm an seinem Platz, tut nichts, als seine Fassade unbeirrt Hitze, Regen und Hagelschauern entgegenzustellen, da erklären die städtischen Spektakelverantwortlichen das Haus eines Tages kurzerhand zum Ausstellungsstück - nach dem Motto: Architektur braucht gar kein Museum, sie steht 24 Stunden am Tag im Leben der Stadt, und ist die einzige Form von Kunst, der sich niemand entziehen kann. Sie ist die omnipräsente unter den Künsten des Jahrhunderts.

Solche Überlegungen waren es wohl, die die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz bewogen, dem großen Rückblick auf einhundert Jahre Kunst in Deutschland einen Exkurs auf die Baukunst hinzuzufügen - in Form einer Exkursion: Per Fahrrad oder Bus startet ab dem kommenden Wochenende jeden Sonntag eine dreieinhalbstündige geführte Rundfahrt zu architektonischen Schlüsselwerken des 20. Jahrhundert.

An fünfzig ausgewählten Bauten Berlins sollen die wichtigsten stilistischen Strömungen und städtebaulichen Leitbilder der Epoche demonstriert werden. Den Aufbruch ins neue Jahrhundert markieren in diesem Parcours Peter Behrens legendäre, 1909 eingeweihte Moabiter Turbinenhalle und die Gartenstadt Staaken.

Die Zwanziger-Jahre-Moderne repräsentieren Bauten wie Bruno Tauts Britzer "Hufeisensiedlung", Erich Mendelsohns dynamisch-geschwungener Kino-Palast am Lehniner Platz und zwei schneeweiße Vorortvillen Alfons Ankers und der Brüder Luckhardt.

Der Architekt Ernst Sagebiel übernahm nach Mendelsohns Emigration dessen Büro und steht in der Austellung mit seinem Entwurf des Flughafens Tempelhof für die Marmor-Monströsität der NS-Zeit. Weiter geht die Reise durch die Dekaden vorbei an Renommierprojekten der fünfziger Jahre wie Kongreßhalle, Hansaviertel(Interbau 1957) und Ernst-Reuter-Platz bis ins Treptow der Gegenwart, wo das von 1998 fertiggestelltem Krematorium von Axel Schultes steht. Daneben ist die Zweite Moderne der neunziger Jahre unter anderem durch Jean Nouvels Kaufhaus Lafayette, Zvy Heckers Charlottenburger Jüdischer Grundschule, dem Jüdischen Museum und dem Neubau des GSW-Hochhauses von Sauerbruch/Hutton in der Reihe der Jahrhundertwerke vertreten. Bei den zeitgenössischen Bauten fiel dem Projektteam, wie Mitinitiatorin Anne Schmedding bekennt, die Auswahl am schwersten. Dafür aber zeigt sie wenig Eigensinn. Auch verwundert es, dass die DDR-Epoche mit nur drei Beispielen vertreten ist. Der 1899 von Paul Wallot als wilheminischer Prachtbau vollendete und 1999 von Norman Foster in der alten Schale neu errichtete Reichstag bildet Anfang und Abschluß der Chronik zugleich.

Da die Retrospektive enzyklopädischen Charakter haben soll, waren das Bauschaffen der einzelnen Dekaden halbwegs gleichmäßig zu berücksichtigen. Diese chronolgische Ordnung steht erfreulicherweise dem Wunsch nach selektiven Wahrnehmung des Zurückliegenden entgegen: So liegen auch Dinge an der Besichtigungsroute, an die man eher widerwillig zurückdenkt, wie das postmoderne Stadtvillen-Quartier der Bauausstellung von 1987 an der Rauchstraße. Mit seinem buntscheckigen, historistisch verspielten Zitatekonglomerat taumelt es zwischen Flower-Power-Architektur, Festungsbollwerk und Renaissance-Palazzo. Wie ein Ding aus einer anderen Welt steht die rosafarbene Riesenröhre der Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffahrt am Spreeufer. Man hätte den unförmigen Bau im Op-Art-Look längst vergessen, stände er nicht so nah am Viadukt der S-Bahn.

Jedes der Gebäude und Ensembles wird im zur Ausstellung erschienenen Katalogbuch von prominenten Autoren wie Tilman Buddensieg oder Dieter Hoffmann-Axthelm kommentiert. Allerdings genügt sich die Mehrzahl der Schreiber in der abermaligen Würdigung von längst zu architekturhistorischen Ikonen erhobenen Gebäuden. Kenner schreiben über Altbekanntes und zitieren sich in ihren Beiträge munter gegenseitig. Originell ist das nicht, zumal die Autoren auf Neubewertungen konträr zu eingeübten Rezeptionsweisen weitgehend verzichten. Diese Manko hängt eng mit der getroffenen Auswahl zusammen: Sie bietet keine Überraschungen. Handelt es sich doch fast durchweg um Gebäude, die in jedem besseren Berlin-Reiseführer nachzuschlagen und aus dem Gedächtnis der Architekturgeschichte nicht mehr wegzudenken sind. Weshalb diese Werke noch einmal feiern? Vielleicht hätte indes die Formulierung von Leitthemen geholfen, den Rückblick auf die Schar bauhistorischer Meilensteine um neue Gedanken und Querbezüge zu bereichern.

Auch eine Portion Respektlosigkeit im Angesicht der Ikonen Taut, Poelzig und Le Corbusier hätte dazu beitragen können. Auf der Pressefahrt demonstrierte eine nonkonformistische Teilnehmerin, wie das geht: Vor der von Werner Düttmann gebauten Akademie der Künste am Hanseatenweg angekommen, fragte sie den das Gebäude erläuternden Jungarchitekten, was an diesem Bau bitteschön Jahrhundertarchitektur sei. Die langgestreckte Waschbetonfassade des Foyertraktes sei ein belangloses Nichts, der Verbindungsbau zu den Auditorien ein plattes Bauhaus-Plagiat und das hoch aufgefaltete Dach des großen Saals gleiche einer riesigen Scheune. Man muss diese Auffassung über die Akademie nicht teilen, aber das Statement hatte die Würze des unvoreingenommen Blicks. Eine Würze, die der Auswahl und Kommentierung der Berliner "Jahrhundertbauten" leider fehlt.Informationen und Programme der Architektur-Rundfahrt in allen Häusern der Ausstellung "Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland". Start der Fahrradrundfahrt jeden Sonntag um 14 Uhr an der "Fahrradstation" in den Hackeschen Höfen. Teilnahmebeitrag 32 Mark bzw. 20 Mark (mit eigenem Rad). Katalog (Dumont, Hg. Andres Lepik) 150 Seiten, 29,80 Mark.

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